TheaterKlatsch #10 mit Martin Thamm und Michel Büch

“ZuschauerInnen?!”

 

Gehört die Bühne allein den SchauspielerInnen?
Wie kann Publikumsbeteiligung als theatrales Mittel funktionieren?

Martin Thamm, Regisseur des Stückes “Alice”, versucht die Grenzen zwischen Publikum und SchauspielerInnen zu verwischen. So auch im Projekt “White Rabbit Red Rabbit”.

Im März möchten wir gemeinsam mit Martin Thamm und Michel Büch, Mitorganisator des Projektes “White Rabbit Red Rabbit” über die (veränderte?) Rolle des Theaterpublikums reden und uns obigen Fragen widmen.

Für Kuchen- und Kaffeegenuss (ein Dankeschön ans Noon!) ist wie immer gesorgt.

26.03.2015 17 Uhr
noon/ Foyer Kleines Haus
Eintritt frei!

TheaterKlatsch #9 mit Pio Rahner

In welchem Zusammenhang stehen der Bürgerpark und die Oper L’elisir d’amore (Der Liebestrank), was ist der Konnex zwischen dem Blick auf den Bremer Altenwall und Dostojewskis Der Idiot? Das Video des Monats, mit dem sich der Fotograf Pio Rahner zwölf Produktionen unseres Spielplans videografisch nähert, hat etwas Erratisches. Und was steckt hinter den Teasern der Reihe Plan B? Wir haben also viele Fragen. Daher holen wir Pio Rahner an unseren Tisch, um mit ihm beim 9. TheaterKlatsch über seine Arbeit zu sprechen. Natürlich backen wir für ihn seinen Lieblingskuchen und servieren wieder leckersten noon-Kaffee.

26.02.2015 17 Uhr
noon / Foyer Kleines Haus
Eintritt frei!

EDVARD bei TANZ Bremen

EDVARD bei TANZ Bremen von Marcos Morau mit Carte Blanche

Der Eröffnungsabend des Festivals TANZ Bremen am 06.02.2015 im Großen Haus des Theater Bremen steht ganz im Zeichen von Krankheit und Tod. Die Farbe des Abends ist weiß. Ein weißer Vorhang grenzte einen Raum ab, in dem sich weiße Krankenhausbetten und Infusionsständer befanden. Kalt und unnahbar wirkten die Tänzer auf der Bühne.

Bild Edvard

Bild: © Helge Hansen

Der spanische Choreograph Marcos Morau setzt sich in seinem Stück „Edvard“ mit einigen Momenten aus dem Leben von Edvard Munch auseinander. Hierbei geht es weniger um die Kunst des Malers, sondern um die Frage, was hinter seiner Kunst steckt. Geprägt durch den Tod seiner Mutter und seiner älteren Schwester, bilden diese Themen oft das Zentrum seiner Bilder. Als Ausgangspunkt seines Stücks setzt Morau Munch’s Sanatoriumsaufenthalt in den Mittelpunkt.

Die Bühne verwandelt sich in ein Krankenhaus, der weiße Vorhang trennt zwei Welten voneinander. Es entstehen verschiedene Tanzmomente, in denen die Tänzer selten alleine, sondern eher zu zweit, zu dritt oder zu viert tanzen. Auch in den Momenten, in denen alle zwölf Tänzer gemeinsam tanzen, wirken sie wie ein einziger Körper, weich und fließend. Die präzise, teilweise sehr schnellen und akrobatisch ausgeführten Bewegungen führen von Zeit zu Zeit zu kurzen witzigen, aber zunehmend zu melancholisch und depressiv geprägten Momenten. Ebenso wirken die repetitiven Bewegungen der Tänzer nach kurzer Zeit monoton und kühl.

Die auf englisch live gesprochenen Tagebucheinträge von Munch bilden einen Sprachteppich, dem nicht immer gut zu folgen ist und weniger Aufschluss über Munch’s Leben gibt, als störend wirkt.

Sound- und Lichtdesign sind hervorragend aufeinander abgestimmt. Grell leuchtendes, manchmal ins bläulich abschweifende Licht gepaart mit einigen hellrot aufleuchtenden Lichtmomenten spiegeln sich in der Musik und den Geräuschen wider. Vokalmusik aus verschiedenen Epochen, Klavierwerke, Regenrauschen oder die elektronisch erzeugten Herzschläge bilden einen steten Klangteppich, der nur selten komplett verstummt.

Die hervorragende Arbeit der Tänzer von Carte Blanche wurde am Ende mit bemerkenswertem Applaus gewürdigt. Ob diese depressiv-traurige Produktion jedoch ein geeignetes Eröffnungsstück für ein solches Festival war und sich die große Portalbühne für so eine Produktion eignet, gab dem Publikum anschließend ausreichend Gesprächsstoff.

Tara Hansen

TANZ Bremen 2015

Festival vom 6.2.-13.2. im Theater Bremen, der Schwankhalle, im Theater am Leibnizplatz, in der Kunshalle, im Tanzwerk, im Kino City 46, auf dem Goetheplatz und im noon

Eine neue Auflage des internationalen Festivals für zeitgenössischen Tanz – TANZ Bremen – eröffnet heute Abend um 19:30 Uhr mit der spektakulären Deutschlandpremiere des Stücks ‘Edvard’. In dieser Choreografie für die renommierte norwegische Compagnie Carte Blanche lässt sich der spanische Shootingstar Marcos Morau von der Arbeit und dem Leben des norwegischen Malers Edvard Munch inspirieren.
Aber es treffen auch andere renommierte Choreografen auf neue Talente oder Tanzlaien auf Profis. Das Festival zeigt auch in diesem Jahr, trotz erheblich eingeschränkter finanzieller Mittel, ein vielseitiges Programm. Es besinnt sich auf den Ursprung des Tanzes und zeigt den Tanz mit all seiner grenzüberschreitenden Energie und gemeinschaftsbildenden Kraft.

Teilhaben/Teilnehmen ist das diesjährige Motto von TANZ Bremen. „Es erinnert bewusst daran, dass Tanz nicht nur eine Bühnenkunst ist,“ so Sabine Gehm, die künstlerische Leitung des Festivals, „sondern zugleich und schon sehr viel länger ein körperliches Gemeinschaftserlebnis – Ritual und Repräsentation einerseits, aber auch immer: Fest und Spiel.“

Das City 46 zeigt Filme rund um das Thema Tanz. Publikumsgespräche, Diskussionen, Trainings und Workshops begleiten die Vorstellungen und runden das Programm in gelungener Weise ab.

Das noon im Foyer des Kleinen Hauses im Theater Bremen ist zentraler Treffpunkt vor und nach den Vorstellungen und gastlicher Ort für Publikumsgespräche. Hier treffen sich Künstler, Mitarbeiter und Zuschauer zum inspirierenden Austausch rund um das Festival. Die Festivallounge ist täglich ab 14 Uhr geöffnet.

Wir TheaterVerstärker sind vor Ort und lassen euch an unseren Eindrücken und Erfahrungen teilhaben.

„Vom Suchen und Scheitern einer großen Liebe“ – Uraufführung Anna Karenina am Theater Bremen

Erstaunlich viele Menschen sitzen heute Abend in dem Einführungsvortrag und lauschen den Worten und Erklärungen des Leitenden Dramaturgen des Musiktheaters, Ingo Gerlach, zur Uraufführung „Anna Karenina“. Sie alle werden auf den eigenartigen und außergewöhnlichen Abend eingestimmt.

Denn wer „Anna Karenina“ hört, denkt an einen dicken Schinken von Buch mit 1200 eng bedruckten Seiten von Leo Tolstoi mit einer enorm komplexen Handlung. 2008 schrieb der Regisseur Armin Petras eine wesentlich kürzere Schauspielversion für das Maxim Gorki Theater in Berlin, die lediglich 80 Seiten umfasste. Mit der Verwandlung von Petras-Libretto in eine Opern-Partitur durch die Komponisten Thomas Kürstner und Sebastian Vogel verkürzte sich der Text um weitere 50 Seiten, jedoch um eine Ebene erweitert: die musikalische Ebene. Ebenso unterschiedlich wie die Emotionen, Sehnsüchte und Lebensentwürfe der drei Paare auf der Bühne sind, genauso unterschiedlich sind die Musikstile, die die beiden Komponisten in einem komplexen Klangteppich miteinander verbinden. So erklingen Zitate von Bach und der elektronischen Popmusik, sowie Elemente aus der Minimal-Musik, der Operette, dem Oratorium und dem Musical. Zudem haben die beiden Komponisten Klänge und Geräusche aus Bremen aufgenommen, wie beispielsweise das für alle Bremer bekannte und immer wiederkehrende Geräusch des Regens. Drei Atmosphären haben die Komponisten für diese Oper geschaffen, in der sich nicht nur die drei Paare (Anna/Karenin/Wronski, Lewin/Kitty/Wronski und Dascha/Stefan) widerspiegeln sondern auch die Gefühle von Liebe, Eifersucht und Rache.

Die Bühne wird durch eine Holzwand auf Streben dominiert, auf die einerseits schwarz-weiße Bilder projiziert werden, die einen assoziativen Charakter aufweisen und die drei Atmosphären untermauern: Meereswellen stehen für die schwankenden Leidenschaften, sich im Wind bewegende Bäume als Zeichen der Melancholie und Bilder aus Bremen, die der Liebe einen gesellschaftlichen Zusammenhang bieten. Andererseits agieren die Sänger auch hinter dieser Holzwand, weswegen bei bestimmten Interaktionen das Bühnengeschehen wie eine Art schwarz-weiß Stummfilm mit einer Live-Kamera auf die Wand übertragen wird. So kann der Zuschauer auch die an sich durch die Holzwand und Streben halb- verdeckte Handlung verfolgen. Eine in sich sehr stimmige Vorgehensweise (Bühne: Susanne Schuboth und Video: Rebecca Riedel).

Immer wieder tritt der Chor (Einstudierung: Daniel Mayr) als bunt gemischter Haufen von Hausfrauen, Bauern und Arbeitern auf. Aufgrund seiner Funktion als epischer Erzähler und Kommentator wirkt der Chor einfallslos gestellt und nimmt nur selten am Bühnengeschehen teil. Erweitert wird der Opernchor im Laufe des Abends durch einen Kinderchor (Kinderchorleitung: Jinie Ka). Leider war die musikalische Qualität der Bremer Philharmoniker, die unter der Leitung von Clemens Heil spielten, an diesem Abend schwach und vor allem an solistisch offenen Stellen war die Qualität nicht den Erwartungen entsprechend.

Besondere Anerkennung hingegen verdient die Frau, die für den Traum vom ganz großen Glück ihren Mann und ihr Kind aufgibt: Anna Karenina. Am Ende dieses Opernabends steht Anna Karenina alleine auf der kargen Bühne, gezeichnet von ihrem Leidensweg und singt eine große Gefühlsarie. Insbesondere in dieser letzten großen Arie arbeitet die (hochschwangere) Sopranistin Nadine Lehner beeindruckend mit ihrer Stimme und vermittelt dem Publikum ihre aussichtslose Situation – bis zum bitteren, abrupten Ende. Das Scheitern ihrer eigenen Liebe fasst sie zusammen mit „Ich glaube, ich werde wahnsinnig“. Ihr stehen Hubert Wild als Wronksi, Christoph Heinrich als Lewin und Patrick Zielke als Karenin mit ihren brillant tiefen (Bass-) Baritonstimmen zur Seite. Weniger überzeugend sind die Figuren der Kitty (Nerita Pokvytite) und Dascha (Nathalie Mittelbach) – stimmlich, sowie schauspielerisch. Doch nicht nur SängerInnen stehen auf der Bühne, sondern auch der Schauspieler Martin Baum, der den Stefan verkörpert und versucht das Publikum in seinem Monolog vor der Macht der Gier zu warnen. Ein gelungener Ansatz eines genreübergreifenden Werks durch den Regisseur Armin Petras.

Tara Hansen

TheaterKlatsch zu intransit?

Der erste TheaterKlatsch im neuen Jahr greift die Schwerpunktreihe in transit? auf und lädt dazu ein, mit den beiden Kuratorinnen der Reihe, den Dramaturginnen Katinka Deecke und Regula Schröter ins Gespräch zu kommen. in transit? thematisiert auf unterschiedlichste Weise und in verschiedenen Formaten die Themen Flucht und Migration, aber welche Visionen stecken hinter diesem Spielzeitschwerpunkt? Die TheaterVerstärker laden herzlich ein, Fragen zu stellen und Gedanken zu äußern. Selbstgebackener Kuchen und fantastischer Kaffee – ein großes Dankeschön an das noon – runden die Atmosphäre ab.

30.01.2015 17 Uhr
noon / Foyer Kleines Haus
Eintritt frei!

Zigaretten und Milch in Zeiten des Krieges

Eine junge Frau steht einsam in der Mitte der Bühne. Beziehungsweise dort, wo früher im Krieg ein vermientes Feld war und sich noch immer eine brachliegende Grenzzone befindet. So beginnt Konradin Kunzes Inszenierung von Abzählen, dem preisgekrönten Roman der georgischen Autorin Tamta Melaschwili (Georgischer Literaturpreis Saba 2011 und Deutscher Jugendliteraturpreis 2013). Rückblickend werden drei Tage im Leben der 13-jährigen Freundinnen Ninzo (Meret Mundwiler) und Zknapi (Marina Lubrich) erzählt, die sich in Zeiten des Krieges in einer zerrütteten Welt zurechtfinden müssen. Die Väter sind in die Armee berufen worden und zurück bleiben die Alten, Schwachen und Kranken; die Frauen und Kinder. Abseits der Front herrschen Lebensmittel- und Materialknappheit und die heranwachsenden Mädchen müssen lernen, Verantwortung für ihre Familien zu übernehmen und mit den Unsicherheiten der Pubertät alleine zurechtkommen. Während Ninzo (Meret Mundwiler) ihre sexuellen Reize erprobt und sich Zigaretten von den Grenzsoldaten erschnorrt, sorgt sich Zknapi vor allem um ihre Mutter und ihren kleinen Bruder, der zu verhungern droht.

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Meret Mundwiler und Marina Lubrich als Ninzo und Zknapi in Abzählen. Foto: Jörg Landsberg

Auf der Bühne im Kleinen Haus spiegeln sich bei der Premiere die Wirren des Krieges deutlich auf der Bühne wider. Unablässig regnen Kleider, Büschel von Spitzwegerich und Milch vom Schnürboden herunter, bis der Boden bedeckt ist und auf der Bühne ein bedrückendes Durcheinander herrscht durch das sich die Darsteller ihre Wege bahnen müssen (Bühne und Kostüm: Léa Dietrich). Stroboskoplicht und Musikfetzen (Musik: Jan Beyer) zerschneiden die Handlung in unregelmäßigen Abständen wie das Donnern der Gewehrsalven an der Nahen Front. Meret Mundwiler und Marina Lubrich fühlen sich wunderbar in die Geschichte und Gefühlswelt der jungen Mädchen ein. Susanne Schrader überzeugt als Zknapis kummervoll apathisch umherschleichende Mutter. Das von Tomas Bünger einstudierte choreographische Konzept wirkt an einigen Stellen aufgesetzt, unterstreicht jedoch größtenteils effektvoll die Selbstverlorenheit der Figuren in ihren eigenen Ängsten und Sorgen, indem er sie in tranceartigen Schrittfolgen über die Bühne schreiten lässt.

Konradin Kunze inszeniert am Jungen Theater mit Abzählen ein zeit- und ortloses Stück über Freundschaft und die Auswirkungen des Krieges auf die Zivilbevölkerung und erntet bei der Premiere kräftigen Applaus.

Simone Ehlen