Die Affäre Rue de Lourcine

1857, so will es das Internet, wurde Eugène Labiches Komödie uraufgeführt, es ging um bürgerliche Werte, um Moral und das Erinnerungsvermögen als Garant dieser Moral… Was nun, so viele Jahre später (ganz am Schluß der Aufführung, als die Pointe offenbar wird, werden diese vielen Jahre konkret benannt), am Theater Bremen daraus wird, trägt noch im Kern diese Komödie um Verwechslungen und die schnelle Panik, die das Komödiantische erst so richtig lustig macht. (Dabei hat auch Elfriede Jelineks bühnennahe Übersetzung ihren Anteil.) Doch außen herum, mal mehr, mal weniger sichtbar, entblättert sich eher eine Art Performance, die nahe am Tanz ist und nahe an der Musik (die es auch bei Labiche schon gab). Auf der leeren, weiß ausgelegten Vorbühne bewegen sich die Schauspieler, vielleicht noch ohne Figur, ohne Namen, im Kreis, dann in freien Bewegungen – und später immer mehr unterstützt von einem Gitarristen, der am Rande sitzt, außerhalb der weißen Fläche, und glücklicherweise nie dominiert, sondern seine Musik zum sechsten Mitspieler gestaltet.

Wie eine Aufwärmübung aus dem Handbuch der Theaterpädagogik muten diese Bienentänze an, oder wie eine sehr reduzierte Form von Eurythmie. Das Spiel, das ergibt sich erst allmählich, und immer wieder wird die Inszenierung ein, zwei Schritte zurücktreten, durch ein Lied oder durch die Rückkehr in unmotivierte, ich möchte lieber sagen: in /anders/ motivierte Bewegungen. So verlagert sie sich immer weiter weg vom Abstrakten, doch nicht zum narrativen Kern des Stücks hin, sondern hin zu einem ‚konkreteren‘ Ausdruck im Lied. Ungewiß, was das zu bedeuten hat (Bert Brecht, übernehmen Sie!); daß dadurch diese Affäre aus der Rue de Lourcine, die vielleicht nie mehr sein wollte als ein Boulevardstück mit latent moralischer Pointe (bloß nicht zu schwerfällig formuliert, man möchte schließlich gut unterhalten sein), daß sie mehr wird als die Summe der einzelnen Teile, allein für diese Ungewißheit lohnt sich der Abend.

Martin Mutschler

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