Serielle Eskalation: „Sickster“ und „Das Leben auf der Praça Roosevelt“

Am Theater Bremen laufen momentan zwei Stücke, die sich zunächst gut vergleichen lassen, da sie ähnlich funktionieren, nämlich weitgehend monologisch, frontal auf das Publikum gerichtet, und unterstützt von Live-Musik. Sie könnten jedoch in ihrer Wirkungskraft nicht verschiedener sein. Dea Lohers Text braucht 2 1/2 bleierne Stunden, um so etwas wie ein Panorama eines Platzes in São Paulo und seiner Menschen zu zeichnen, wo in „Sickster“ ein Roman auf 90 fesselnde Minuten mit nur 3 Schauspielern verdichtet wurde.

Gut ist „Das Leben auf der Praça Roosevelt“ (Regie: Alize Zandwijk) dort, wo der Text über die Klischees hinauskommt und endlich Dialog wird, wo sich die Bewegungen zu kleinen Schlaufen binden und ganz kurz Pina Bausch über die Bühne huscht. Doch ansonsten gibt sich der Text bedeutungsschwanger, die Gefühlsausbrüche der Figuren bleiben – trotz der bemühten Schauspieler – nur behauptet. Ein Almodóvar-Film wird nur gut durch sein souveränes Timing und seine Diskretion, nicht weil darin ein unnachahmliches südlich-roman(t)isches Sentiment herrschte, das man ‚bei uns in Deutschland‘ eben nicht hinbekomme. Es geht eben doch, wenn das Timing stimmt. Dafür ist jedoch Dea Lohers Text zu langatmig, klischeebeladen, bleibt zu flach, und selbst die stimmungsvolle Livemusik ist eher willkürlich zwischen die Szenen geschaltet.

Ganz anders „Sickster“ nach dem Roman von Thomas Melle, unter der Regie von Felix Rothenhäusler: Hier stimmt jede Bewegung, jedes Gefühl, jeder musikalische Einsatz, und das verdankt sich der konzentrierten Umsetzung eines großartigen Textes, der all das hat, was Dea Lohers Text nicht hatte: Subtilität, Witz, Poesie, Brutalität. Hier können auch die Schauspieler sich einfühlen in ein gnadenlos schwarzes Bild unserer Zeit: sodaß ich mich gefragt habe, ob ich gerade, anstatt zu lachen, nicht vielleicht lieber heulen sollte oder schreiend rausrennen: „Ist ja gut, hab’s verstanden, jetzt nimm den Spiegel weg.“ Hier sitzt man auf der Stuhlkante, weil die Figuren einem zu nahe kommen, hier stimmt das Paradox vom Theater: in einer großen, großartigen Gefühlsexplosion. Unbedingt anschauen!

Martin Mutschler

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