Wie Büchner einst den Grunge erfand…

Georg Büchner ist der Kurt Cobain unter den Schriftstellern. Irgendwie. Beide waren Systemkritiker, beide waren Rebellen ihrer Zeit und, wie jeder Freigeist, der etwas auf sich hält, starben beide jung. Statt dem Grunge hat Büchner jedoch das soziale Drama erfunden. „Woyzeck“ ist Büchners „Smells like Teen Spirit“, das Stück gehört bis heute zu den meist gespielten Stücken auf deutschen Theaterbühnen.

Nie zuvor stand eine Figur aus der unteren sozialen Schicht im Mittelpunkt eines Dramas. Die Geschichte des Franz Woyzeck geht zurück auf einen wahren Mordfall, den Büchner in einem gerichtsmedizinischen Gutachten fand: Woyzeck ist ein einfacher Soldat, der versucht seine Freundin Marie und sein uneheliches Kind zu versorgen. Er verdient sein Geld mit Laufburschentätigkeiten für seinen Hauptmann. Da sein Lohn trotzdessen nicht ausreicht, stellt er sich gleichzeitig auch noch einem skrupellosen Arzt als Versuchskaninchen zur Verfügung. Beide Männer nutzen ihn auf diese Weise nicht nur physisch, sondern auch psychisch aus, indem sie ihn vor der Öffentlichkeit bloßstellen. Marie beginnt währenddessen eine Affäre mit einem Major. Als Woyzeck das mitbekommt, beginnt er Stimmen zu hören, die ihm befehlen, Marie zu töten…

Büchner konnte das Stück nie beenden und ließ es lediglich als Fragment zurück, weswegen heute mehrere Fassungen vorliegen. Im Jahre 2001 nahm sich Alleskönner Tom Waits das viel beschworene Drama vor und kreierte zusammen mit Robert Wilson eine musikalische Fassung von Woyzeck. Nun hat sich auch das Theater Bremen dieser musikalischen Fassung angenommen, und sie unter der Regie von Klaus Schumacher zu uns geholt.

Das Bühnenbild ist simpel aber genial: Die Schauspieler spielen vor, auf, unter, neben und mit einer hölzernen Tribüne. Dank der unglaubliche stimmungsvolle Beleuchtung und dem Bühnennebel fühlt man sich gefangen in einer Zwischenwelt von Woyzecks zerrissenem Inneren und der kalten Außenwelt. Ganz besonders beeindruckt war ich vom musikalischen Talent der Schauspieler, allen voran Annemaaike Bakker und Peter Fasching (bei dem sogar kopfüber jeder Ton sitzt!) haben mich mit ihrem Gesang verzückt. Nicht zu vergessen die vier Musiker, die hinter der Tribüne sitzen und dafür sorgen, dass das eigene Bein aus Versehen im Takt mitwackelt. „Misery’s the river of the world” bleibt nicht nur für mindestens eine Woche als Hintergrundmusik im Kopf hängen, sondern auch als bittere Erkenntnis nach der Aufführung zurück. Smells like god’s away on business…

Laura Höfler

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