Europa

„Europa – Frei nach Motiven des gleichnamigen Films von Lars von Trier und Niels Vørsel“

Wir befinden uns in Europa im Jahr 2027. Die Chinesen haben die Herrschaft übernommen und Deutschland befindet sich in einem Lager. Die Familie Hartmann hat mit dem Familienunternehmen „Zentropa“ die Leitung des Lagers übernommen.

Selektiert nach dem Aussehen wird das Publikum zu Anfang durch das Kellergewölbe in den Theatersaal begleitet. Die Tür tut sich auf und anstatt des klassischen Aufbaus von Bühne und Tribüne, befinden sich überall im Raum Käfige aus Bauzäunen. Auf der eigentlichen Tribüne stehen vereinzelt Stühle, Fernseher und ein Tisch, auf den nach und nach Reis von der Decke rieselt. Hier geschieht nichts zufällig, alles ist durchdacht.

Es gibt eine Einweisung für die einzelnen selektierten Kleingruppen, die nach und nach in den Raum kommen: „Links befindet sich die Toilette, dort vorne können sie rauchen und da hinten, wo das blaue Licht leuchtet, befindet sich eine Dusche“. Irritiert von der Dunkelheit und dem Nebel, der über dem Theaterboden hängt, stehen die ZuschauerInnen teils schweigend, teils auffällig aufgekratzt  in den Gängen und warten darauf eine Anweisung zu bekommen, wo sie sich hinsetzen sollen. Unsicherheit im Publikum macht sich breit. Die Stimmung ist bedrückend und immer wieder fragt man sich: Warum wurde ich gerade in diesen Käfig gesteckt? Schaut man sich um, ist es ganz schnell klar. Die MitinsassInnen sehen einem äußerlich mehr oder weniger ähnlich. Gleiches Alter, gleiches Geschlecht, auch eine Brille, lange Haare, kurze Haare, graue Haare. Unangenehm fühlt man sich ertappt als Individuum doch nur ein Abbild einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppe zu sein.

Mit diesem unglaublich beeindruckenden Einstieg beginnt ein vielversprechender Abend an dem man sich immer wieder mit sich selbst, seinen Idealen und den Wertvorstellungen unserer Gesellschaft auseinandersetzt.

Regisseur Mirko Borscht geht es um die Frage, ob wir unseren humanistischen Idealen gerecht werden. Das Paradox unseres Wertesystems und der Realisierung mitunter ist großes Thema. So sollen wir die Schizophrenie unseres moralischen Handelns, dem wir jedoch in der globalen Welt nicht immer gerecht werden können, nicht verleugnen, sondern uns bewusst machen.

Besonders gut gefallen hat mir der Bruch des klassischen Aufbaus vom Theater mit Bühne und Tribüne. Man muss sich schon hier und da mal umschauen, um die verschiedenen Dialoge und Szenen mitzubekommen. Nicht alles versteht man perfekt, da es sein kann, dass eine Szene am anderen Ende des Raumes stattfindet und die Akustik nicht ganz über kommt. Schön ist, dass jede/r an diesem Abend seine ganz eigene Wahrnehmung des Stücks hat, je nachdem wo man sitzt und wie man zuhören möchte.

Letzte Vorstellungen: 28. April, 4. Mai, 8. Mai

Sonja Gerling

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