III Vignetten zu Mahler III

I Ich betrete einen dunklen Raum, es muss die Bühne sein, aber wo ist dann der Zuschauerraum? Auf allen Seiten dunkle Wände, etwas Licht, Nebel. Und die anderen Zuschauer, die genauso unsicher sind. „Wenn wir die ganze Zeit hier stehen müssen, warum haben wir dann Karten für die dritte Reihe gekauft?“, fragt eine Frau ihre männliche Begleitung. Diese Orientierungslosigkeit steht im Kontrast zu der gewohnten Situation, wenn ich den Platz einnehme, der auf meiner Karte steht, und konzentriert auf die Bühne schaue. Jetzt bin ich selbst auf der Bühne und kann entscheiden, ob ich dort bleibe und was ich dort tue. Ich kann sitzen, stehen oder liegen. Ein Zuschauer tanzt sogar, als die Musik einsetzt.

Dann öffnet sich der Eiserne Vorhang. Die Zuschauer auf der Bühne werden zu einer Gruppe, kollektiv drehen sie sich nach vorne und schauen direkt die andere Zuschauergruppe an, die auf dem Rang sitzt. Ein beeindruckender Moment, in dem man sich wie selten sonst im Theater seiner eigenen Zuschauersituation bewusst wird – nämlich indem man sich anderen Zuschauern gegenüber sieht.

Ich lasse mir von einem freundlichen Mitarbeiter ein Kissen geben und setze mich auf die Bühne. Warum zu meinem Platz gehen, wenn ich auch hier sitzen kann, nah beim Orchester, das mit jedem Satz der Symphonie näher kommt. Ich schaue mir die Videoinstallationen an und bin immer wieder überrascht von den Momenten, in denen es scheint als wäre die Musik genau für diese Sequenz geschrieben worden. Oder ich schaue der Schauspielerin Nadine Geyersbach zu, die im weißen Ganzkörperanzug Menschen aus dem Publikum fotografiert oder in das kleine weiße Häuschen geht, das im Zuschauerraum steht und dessen Inneres auch über die Videoleinwände übertragen wird. Oder ich richte meine Aufmerksamkeit auf die Techniker, die mit Ästen auf die Bühne kommen und sie bewegen, bis es klingt, als sei man im Wald. Oder ich betrachte die anderen um mich herum und beobachte, wie sie auf die ungewohnte Situation reagieren. Ich als Zuschauer kann mich entscheiden: Was will ich sehen? Wo will ich sein? Wie möchte ich diese Inszenierung wahrnehmen? Diese Offenheit wird im Theater selten geboten.

II Das Orchester bei Mahler: ein vielarmiges Monstrum, in seiner übertriebenen Potenz an der Grenze zum Siechtum. Manche nennen es Dekadenz, oder Manierismus; beides trifft es nur peripher. Was Mahler versucht hat, war die Rettung der symphonischen Gattung, obwohl er vielleicht bereits wusste, wissen musste, dass der Apparat nicht größer werden konnte, sondern irgendwann implodieren würde. Was dann kam, war Transparenz, Leichtigkeit, Balsa-Holz und Schwitters Müllcollagen. Das 19. Jahrhundert hatte sich überlebt.

Mahlers Symphonien fordern den Orchesterapparat heraus wie keine andere Musik, in manchen Symphonien sind Gitarren und Mandolinen besetzt, die in anderthalb Stunden einmal überhaupt nur gehört werden können. (Es ist wie eine Zugfahrt, die sich wegen eines Sekunden nur dauernden Ausblicks auf ein Tal, auf einen Streifen See schon lohnt, eines Ausblicks, den man nicht verpassen darf.) Und doch: Was auf den ersten Blick aussehen mag wie ein größenwahnsinniges „because I can“ entpuppt sich als trotziger Ausdruck tiefer Melancholie: das Letzte noch herausholen aus dem Apparat, die träge Masse auswringen, den harten Stuhl immer wieder lackieren, bis sich aus dem Lack ein eigenes Polster gebildet hat … Der Ozeandampfer schiebt sich noch übers Wasser, doch in die tonnenschweren Stahlträger seines riesigen Bauches ist die Gewissheit des Sinkens schon eingeschrieben.

Was nun „Mahler III“ im Theater Bremen ermöglicht, ist paradoxerweise die Rettung dieses Orchesters. Viel ist geschrieben worden über diese Inszenierung, die in weiten Teilen wie eine Installation anmutet, wie ein fremdes Ritual (fremd geworden wie das riesige Orchester Mahlers), viel darüber, wie das Orchester hinter angeblichem Mumpitz aus Video und Spektakel verschwinde. Was ich erlebt habe, ist das genaue Gegenteil davon: Das Orchester wird als Körper erst erfahrbar, es ist sinnlich wahrnehmbar in seiner physischen Präsenz, die anderenorts in einer (vor allem zum Zuhörer hin) klar begrenzten Bühne, in Konvention aufgelöst ist. Wenn ich ganz nah rangehe ans Orchester (und wo sonst geht das je), höre ich nicht nur den Ton der Geige, sondern auch, wie der Bogen auf die Saiten fällt. Es ist die Stille, die den Lärm definiert. Und da wären wir wieder bei Mahler: bei seinem verzweifelten Versuch, das Unaussprechliche vielfach noch zu sagen angesichts des drohenden endgültigen Verstummens.

III Zwischen Bühne und Backstage: Durch mehrere Positionswechsel über den Abend hinweg befinde ich mich zu Anfang inmitten eines schwarzen hohen Raumes. Die erste Person, die ich wahrnehme, ist ein Techniker rechts neben der Tür. Er ist ganz in schwarz gekleidet und trägt ein Mikrofon um den Hals. Ich schaue mich weiter um. Mir fallen immer mehr MitarbeiterInnen des Theaters auf. Erst als der Vorhang aufgeht, realisiere ich, mitten auf der Bühne zu stehen. Hinter uns das Orchester, vor uns die anderen ZuschauerInnen in den Rängen. Es gibt so viel zu sehen, so viele Impressionen und Gedankenanstöße. Ich versuche mich zu entscheiden, wie ich meinen Kopf am besten bewege. Soll ich die Augen schließen und mich von den Klängen des Orchesters verzaubern lassen? Oder doch lieber den Videoinstallationen folgen? Oder wie wär’s, wenn ich mal schaue, was die ganzen Menschen rings um die Inszenierung eigentlich machen?
Ich entscheide mich für eine Mischform. Mal schaue ich hier, mal da. Dabei fallen mir immer mehr Details auf. Schnell beginne ich meine Aufmerksamkeit dem Backstagebereich zu widmen. Ich fühle mich wie in einem Bann. Mich fasziniert zu erleben, wie die Menschen vor und hinter der Bühne ihrer Arbeit nachgehen und jedes Element stimmen muss.

Ich wechsele nochmals meine Position. Jetzt stehe ich neben, fast hinter der Bühne. In unmittelbarer Nähe des Inspizienten erlebe ich, wie wichtig diese Aufgabe ist. Ein „41 go“ erklingt und das Podest auf der Bühne fährt ein Stück vor. „42 go“: Das Licht wird heller. Die Abendspielleitung, eine wichtige Rolle im Theater, von der die ZuschauerInnen sonst nichts viel mitbekommen. Gebannt hörte ich den Ansagen zu und schaute was passiert.
Am Ende kommt der Applaus. Die SchauspielerInnen, der Chor, alle rennen auf die Bühne und eine Frau neben mir ruft: „Und jetzt: Verbeugen! Und alle wieder zurück! Schneller!“. Hautnah stehe ich daneben und bekomme eine Gänsehaut davon, zu sehen, wie all die Anspannung von den Mitwirkenden fällt.

Letzte Vorstellung: 26. April

Dunja Rühl, Martin Mutschler, Sonja Gerling

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Ein Gedanke zu “III Vignetten zu Mahler III

  1. Sehr schöner Artikel! Viele Sachen habe ich ähnlich empfunden und finde es auch sehr schade, dass sich – zumindest laut kritiken – so wenige auf diese außergewöhnliche situation einlassen und sie wertschätzen konnten. Also: alle nochmal hin am freitag!

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