Theatervorurteil des Monats: „Theater verstehen“

Ein allgemeines Vorurteil über den Besuch von Theateraufführungen ist es, dass man einer gewissen theoretischen Vorbildung bedarf um sie „verstehen“ zu können. – Doch was heißt es überhaupt eine Theateraufführung zu verstehen? Bedeutet es tatsächlich „herauszufinden, was der Regisseur damit gemeint hat“? Und was ist dieses „damit“? Gilt es herauszufinden, warum die Dinge auf der Bühne so in Szene gesetzt wurden, wie wir sie vorfinden? Oder was der Dramaturg sich „dabei gedacht hat“?

Hierfür bräuchte es womöglich eine theoretische Basisausbildung und dazu eine detektivische. Doch ist es wirklich das, worum es beim Besuch einer Theatervorführung gehen kann? Oder gehen sollte? Haben wir es beim Theater mit einer derart elitären Kunstform zu tun, dass nur Spezialisten einen Zugang zum theatralen Geschehen finden können?

Zur Klärung dieser Frage möchte ich zunächst eine kleine Geschichte von einem großen theatralen Ereignis erzählen:

Ich war zu Gast in einem Tschechow- Seminar bei den Ethnologen der Bremer Universität. Die Grundsituation war folgende: Inklusive mir waren zunächst sieben Personen in einem eher kleinen, grauen Seminarraum anwesend – zwei Professorinnen, eine davon eine russische Germanistin und Tschechow- Spezialistin, die an der Universität Bremen gastierte, die andere eine Bremer Ethnologie-Professorin, des weiteren drei Studierende, eine Frau, zwei Männer, und der Leiter des an der Universität ansässigen „Theaters der Versammlung“. Wir saßen in einem kleinen Stuhlkreis zusammen, die weißen Tische waren an die Wände gerückt worden. – Es war vereinbart, dass irgendwann in der nächsten Stunde neun Darsteller des „Theaters der Versammlung“ – das es sich zur Aufgabe gemacht hat, wissenschaftliche Themen mit performativen Mitteln zu untersuchen – in diesem Seminar erscheinen sollten und irgendetwas tun. Was, wussten wir nicht. Was wir wussten, war, dass die neun Figuren, die die Spieler verkörpern würden, allesamt Figuren aus Tschechow- Stücken sind, die sich nach, uns unbekannten, Regeln verhalten würden.

Soweit die Vorraussetzungen. Das Seminar startete wie gewohnt. Es ging um die Nachbesprechung der Lektüre zweier Kurzgeschichten Tschechows, „Die Dame mit dem Hündchen“ und „Der Flattergeist“. Anhand dieser Geschichten wurde über die Beziehung der Männer- und Frauenfiguren bei Tschechow gesprochen. Es stellte sich bald heraus, dass es schwierig ist, pauschalisierend über Tschechows Figuren zu sprechen. Es ließ sich jedoch herauskristallisieren, dass die Figuren bei Tschechow allermeist aneinander vorbei agieren – jemand liebt jemanden, der jemand anderen liebt usw. Die Figuren bewegen sich aneinander vorbei, geraten manchmal in Kontakt, der sich aber gleich wieder verliert. So herrscht immer ein gewisses Chaos in der Beziehungsrichtung, das aber wiederum in die seltsame Ruhe eingebettet ist, die entsteht, wenn man aneinander vorbei lebt, wenn Handlungen merkwürdig konsequenzlos auf der Beziehungsebene bleiben; wenn die Sehnsucht nach Liebe und Glück nicht nur unerfüllt, sondern unbeachtet bleibt.

Als es gerade um die Frauenfiguren bei Tschechow ging, öffnete sich plötzlich die Tür und die Verkörperung einer solchen Frauenfigur Tschechows trat ein. Sie sagte „Hier sind wir richtig!“ in einem Tonfall, als würde sie es jemandem anspornend zurufen. Dann setzte sie sich freudestrahlend auf einen Stuhl und schaute uns derart erwartungsvoll an, als würden wir gleich etwas ganz Großartiges tun. Wir hatten nichts Großartiges geplant und wurden, ob dieses Missverständnisses, ein wenig verlegen – da kam glücklicherweise schon die zweite Dame herein. Das Seminar begrüßte sie, doch sie schien davon keine Notiz zu nehmen, sie kehrte uns den Rücken zu, schritt zum Fenster und schaute melancholisch hinaus. Nach und nach kamen weitere Tschechow-Figuren herein, manche leise, andere laut, manche erwiderten unsere Begrüßung, andere nicht. Einige Figuren schienen einander zu kennen, andere nicht. Eine Figur, die von einem 72jährigen Mann verkörpert wurde, setzte sich in unseren Kreis und erzählte, dass er und seine Schwester aus ihrem Haus vertrieben wurden, er wirkte unsagbar traurig. In der Hand hielt er eine Tonschale, in der sich Erde befand, er sagte uns, dass das die Erde seiner Heimat sei, und reichte sie herum, damit wir sie befühlen konnten. Sie war weich wie Seide und fein wie Sand. Uns wurde bald klar, dass es sich bei dieser Figur um den alten Gajew aus Tschechows „Kirschgarten“ handelte. Seine Schwester kam herein und die beiden freuten sich so innig über dieses Wiedersehen, dass uns allen ein gerührtes Lächeln auf den Lippen lag.

Die Figuren verhielten sich sehr unterschiedlich, manche bewegten sich im Raum, andere verharrten auf einer Stelle, einige murmelten allein vor sich hin, andere sprachen miteinander. Immer wieder stellten sich Episoden von Stille ein. Hielten sie länger an, nahm das Seminar seine Arbeit wieder auf und besprach die Männer-Frauenbeziehungen bei Tschechow. In einer dieser Situationen hatte sich die Figur der Olga aus den „Drei Schwestern“ schweigend in unseren Kreis gesetzt, als wir gerade darüber nachdachten, warum so viele Tschechow-Figuren Männer und Frauen heirateten, die sie nicht liebten. Und Olga erwiderte: „Man heiratet nicht aus Liebe, sondern um seine Pflicht zu erfüllen.“ (Zitat „Drei Schwestern“), ein kurzes „Aha“ ging  durch die Runde, da erwiderte die Ethnologie-Professorin: „Mir fällt gerade ein, dass Sie dazu doch gar nichts sagen können, sie sind ja noch nicht einmal verheiratet – vielleicht gerade wegen dieser Einstellung!“ Das hatte gesessen! Olgas Gesichtsausdruck verriet große Verletztheit und wir schauten alle empört zu der Professorin, die so wenig feinfühlig auf Olgas Gefühlen herumgetrampelt hatte. Olga stammelte noch etwas von Pflichterfüllung, bevor sie sichtlich verstört den Stuhl-Kreis verließ.

Nach und nach verließen die Figuren den Seminarraum und wir blieben in einer unbestimmten Ergriffenheit zurück, ein bisschen so, als hätten wir gerade einen sehr bewegenden Traum gehabt. Mit dieser Irritation sprachen wir noch eine Weile über die Frauen-Männerbeziehungen bei Tschechow, weniger um Inhalte zu klären, als um irgendwie in der Spur zu bleiben.

Schließlich holte der Leiter das Ensemble zurück ins Seminar und wir tauschten Wahrnehmungen des eben Geschehenen aus. Die Professorin, die Olga so tödlich beleidigt hatte, erzählte z.B., dass sie schon einige Male Aufführungen der „Drei Schwestern“ gesehen habe, aber dass sie heute zum ersten Mal die Tiefe dieser Figur empfunden hätte. In den anderen Aufführungen seien die Figuren, wie häufig im Gegenwartstheater, getrennt von ihr, eben auf der Bühne gewesen, während sie im Zuschauerraum saß. Und es schien ihr nun so, als habe sie, im Unterschied zu heute, sonst immer nur auf die Oberfläche der Figuren blicken können.

Was mir persönlich am bemerkenswertesten erschien, war der Umstand, dass wir genau dieses „Nebeneinanderher und aneinander vorbei agieren“, das wir zuvor als Tschechow-typisch herausgearbeitet hatten, so eben erlebt hatten. Die Figuren, für die wir uns so interessierten, zeigten wenig Interesse an uns, sie schienen irgendwie an uns vorbei zu leben. Es gab kurze Berührungspunkte, die mitunter intensiv waren, aber dann brach die Beziehung wieder ab, sie lebten weiter in ihrer Welt, und wir machten weiter mit der Seminarsitzung. Wir hatten nicht nur die Tschechow-Figuren erlebt, wir hatten erlebt, wie die Tschechow- Figuren erleben. Man kann hier noch weiter gehen und sagen, dass wir sogar so erlebt haben wie die Tschechow-Figuren, die man beim bloßen Lesen am allerwenigsten versteht. Nämlich diejenigen, die überhaupt nicht auf Beziehungsangebote eingehen. Streng genommen sind die Tschechow-Figuren umgekehrt, zu uns gekommen, in unsere Welt des Uni-Seminars. Sie haben uns Angebote gemacht, doch wir blieben in unserem sicheren Stuhlkreis sitzen, obgleich es keinerlei Regel gab, die das vorgeschrieben hätte. Wir hätten aufstehen können, uns im Raum bewegen, auf die Figuren zugehen, sie fragen, was sie denn da machen und warum. – Das haben wir nicht. Wir blieben in unserer Welt und sie in ihrer. An einigen Punkten haben wir einander berührt, doch im Ganzen haben wir die Struktur des „Nebeneinanderher“ unberührt gelassen. Genau wie die Figuren in Tschechows Werk.

Um auf das „Theater Verstehen“ zurück zu kommen, möchte ich den entscheidenden Umstand betonen, dass, auch wenn wir keinerlei Vorwissen über Tschechows Werk gehabt hätten, wir genau dasselbe erlebt hätten. Die Reflektion über dieses Erlebnis wäre vielleicht anders ausgefallen, vielleicht auch nicht. Denn in diesem Erleben liegt der Schlüssel zu Tschechows Werk, nicht in der Sekundärliteratur. Denn obgleich ich schon einiges über das „Nebeneinanderher-“ und „Aneinander vorbei-Leben“ der Figuren in Tschechows Werk gelesen habe, habe ich es doch beim Lesen nie erlebt oder gar mich selbst in einer solchen Tschechow-Situation erfahren. Mein theoretisches Vorwissen konnte mir dieses Erleben nicht eröffnen. Das theatrale Ereignis konnte es. Und danach sollten wir in theatralen Situationen fragen. Wir sollten nicht fragen, „Was gibt es hier zu verstehen?“, sondern „Was gibt es hier zu erleben?“

Im Theater-Erleben geht es nicht darum, herauszufinden, was sich die Regie oder die Dramaturgie „dabei gedacht“ haben, sondern darum, was ich in der theatralen Situation erlebe. – Und darum, dieses Erleben ernst zu nehmen. In der theatralen Situation des Tschechow-Seminars war es absolut entscheidend, das „Nebeneinanderher- und Aneinander Vorbei-Agieren“ als Erlebnis ernst zu nehmen. Statt gerade dieses „Nebeneinanderher“ vorschnell als Inszenierungsfehler oder umgekehrt meine Wahrnehmung als defizitär zu beurteilen, lag in dem Einlassen auf dieses Erleben ein Schlüssel zu Tschechow. – Nämlich ein Schlüssel- Erlebnis, das ich allein am Schreibtisch nie hätte wahrnehmen können, das sich aber durch das Einlassen auf dieses Erleben offenbaren konnte. Wir sind alle gleichermaßen „Erlebnis-kompetent“. Hier gibt es kein richtig oder falsch. Es ist vollkommen unerheblich, was ich möglicherweise zu erleben beabsichtigt bin. Denn das Abenteuer des Theaters besteht ja gerade darin, dass jeder unterschiedlich erlebt und dass kein Regiekonzept eine Garantie für ein Erleben bieten kann und will. Jede Inszenierung ist ein Möglichkeitsraum, den wir, die Zuschauer, mit Erlebnissen füllen, je vielfältiger, desto schöner.  Und dieses Erleben kann uns ein Schlüssel zum Werk und zu seiner Inszenierung sein, nämlich dann, wenn wir uns in unserem Erleben ernst nehmen. Wenn wir uns einlassen und uns als Kompetenz wahr-nehmen, wenn wir unser Erleben nicht davon zensieren lassen, dass uns ein altes und unberechtigtes Vorurteil sagt, wir dürften nur das erleben, von dem wir glauben, dass der Regisseur es gerne hätte. Jeder Mensch ist unterschiedlich in seinem Erleben, jede Zeit ist unterschiedlich in ihren Erlebnisgewohnheiten und nur wenn wir unser echtes Erleben für die Interaktion mit Werken zur Verfügung stellen, bleiben diese Werke lebendig. Das ist unsere Aufgabe als Zuschauer. Denn nur wenn sich bei uns ein Erlebnis einstellt, besitzen die Klassiker Aktualität. Sonst sind sie tote Worte.

Die Emanzipiertheit der Frauenfiguren bei Tschechow schockiert uns heute beispielsweise nicht mehr und das ist gut so. Wenn diese Schockiertheit nicht mehr vorherrschend ist, kann etwas anderes in den Vordergrund treten, nämlich die Befremdlichkeit des „Nebeneinanderher-Lebens“, die zu Tschechows Zeit womöglich als Normalzustand galt. Das Erleben von Tschechows Werk wird durch die Gegenwärtigkeit unseres Erlebens reicher, nicht ärmer.

Jede Inszenierung macht uns ein Angebot, zu dem wir uns entweder wie die Tschechow- Figuren verhalten, indem wir es unberührt an uns vorbeiziehen lassen – oder aber wir nehmen es an, indem wir uns darauf einlassen, und zwar in unserem  persönlichen Erleben. Nicht indem wir vorgeben Tschechow-Spezialisten zu sein, sondern indem wir uns auf dieses Erlebnis einlassen, als das, was wir sind, ohne den Schutzpanzer der Intellektualisierung, als empfindsame Geschöpfe mit einer Geschichte, mit Neigungen und Abneigungen, die sich neugierig auf das Erleben eines Theaterabends einlassen, ganz ohne Sekundärliteratur in der Tasche. Indem jeder von uns auf unterschiedliche Weise berührt wird und wir uns über diese Unterschiede austauschen können, auf dass uns die Vielfältigkeit einer jeden Inszenierung und eines jeden Werks bewusst werden kann. Statt uns in unserem Erleben einzuschränken, weil wir vielleicht glauben, es gäbe nur eine richtige Art Tschechow verstehen zu dürfen, lassen Sie uns ein Publikum sein, das neugierig auf die Bandbreite unserer unterschiedlichen Zugänge ist.

Lassen Sie uns gerade neugierig auf solche Inszenierungen sein, die uns keinen intellektuellen Zugang anbieten. Auf Stücke wie Mahler III, Funny how, Stücke, die uns einen Möglichkeitsraum eröffnen, der uns dazu einlädt zu erleben, wie wir erleben. Jede Inszenierung ist ein Angebot, für das wir kein anderes Handwerkszeug mitbringen müssen als den Mut und die Lust, uns in unserem Erleben wahrzunehmen, lassen Sie uns ein Publikum sein, das vor allem berührt und nicht belehrt werden will.

Anna Seitz©

Anna Seitz ist Dramaturgin, Philosophin und Theater-, Film- und Medienwissenschaftlerin. Aktuell arbeitet sie an einer Dissertation zur Philosophie und Ästhetik des Theaters. Für die TheaterVerstärker schreibt sie in Zukunft einen monatlichen Beitrag über die Vorurteile des Theaters.

Das Urheberrecht für diese Kolumne bleibt bei der Autorin.

Habt Ihr weitere Vorurteile, möchtet Ihr über Klischees und Stereotypen des Theaters sprechen? Wir freuen uns über Kommentare und über Vorschläge per Email an theaterverstaerkerbremen@gmail.com.

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