Der Perfekte Mensch

Was sich in Sickster schleifenartig vollzieht und in Aber Sicher! als Wand des produktiven Diskurses vor den Zuschauenden aufragt und sie vor einem endgültigen Verständnis bewahrt, zeigt in Der perfekte Mensch sein Gesicht als Zwang, Wunsch und Möglichkeit des Individuums in der Gegenwart.

Längst ist man über philosophischen Fragen nach der Verifizierbarkeit der eigenen Existenz hinweg, auch jeglichen Fragen nach dem Verhältnis und der Trennung von Körper und Seele und Geist sind nebensächlich geworden. Der Wunsch nach der Erkenntnis des eigenen Ichs und seinem Wesen ist im Spiegelstadium stecken geblieben. Ich werde reflektiert, also bin ich. Ich (er)finde mich, also bin ich. Ich spiele, also bin ich. Ich bin schön und repräsentativ, also bin ich. Ich dufte, also bin ich.

Dabei geht es längst nicht mehr um Konsum, sondern um die Frage : Welches der Bilder um mich herum bin ich? Welches Parfum versprüht meine Erinnerungen? Welche Körperhaltung beschreibt mein Selbst? Die dringende Suche nach dem ultimativen Ausdruck erzwingt die dauerhafte Bewegung. Die Suche nach dem Eigenen, Inneren wird zur Rezitation des Äußeren.

Und so suchen die vier AkteurInnen immer neue Bewegungs- und Verbindungsformen durch einen Raum, in dem Identifikationsangebote hinter jeder Wendung warten. Ihr Blick kann dabei wie der eines verzerrten Narziss nicht von dem eigenen Spiegelbild abrücken, sondern bleibt in der dauerhaften Selbstreflexion gefangen.

Mitunter drehen sie sich versteift um sich selbst, suchen sich in Werbebildern, finden den Wert des Daseins in einem technischen Piepen, sitzen sicher auf dem Teppich, unter dem sie all ihre Zweifel begraben haben. Dieses Sein kennt kein Gegenwart und keinen Stillstand. Jegliche Identifikation ist so kurzlebig wie Kreise im Wasser und kristallisiert sich jeden Atemzug neu.

Der Zuschauende kann nicht umhin, immer wieder sich selbst zu entdecken oder wiederzu(er)finden. Der Wettlauf um Identifikationen macht nicht an der Zuschauertribüne Halt, sondern trifft das intellektuell bedachte und ungezwungene Publikum dort, wo es sitzt.

Mit der Gewissheit mehr als Tiere zu sein und mit der eigenen Seele im Schlepptau bleibt der perfekte Mensch am Ende zurück in einem Käfig.

Die Performance lässt sich in eine Reihe mit dem kapitalismuskritischen Aber sicher! und der Frage nach der Krankheit in der funktionalen Existenz in Sickster setzen. Zusammen richten die Stücke den Scheinwerferkegel auf die überschminkten Wunden der westlichen Industrie- und Dienstleistungsgesellschaften.  Der perfekte Mensch ist auf seine Weise eine vielseitige, doppelbödige Auseinandersetzung mit dem Selbst und der Persönlichkeit. Diese Arbeit am Mythos der Selbstverwirklichung kommt dabei auf unterhaltsame, ironische Weise in einem sehr stark auf Ästhetik und Schönheit ausgerichteten Gewand daher.
Wer sich auf der Suche befindet, sollte hier weitersuchen.

Lisa Brunke

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