Theatervorurteil des Monats: „Kino ist das bessere Theater“

Theaterverstärker Juni 2013--4

Es ist mein Eindruck, dass sich Theater und Film wie Äpfel und Birnen zueinander verhalten. Oft wird die Meinung bekundet, man könne und solle Äpfel und Birnen nicht vergleichen. Ich bin jedoch der Ansicht, dass es für das jeweilige Verständnis von Äpfeln und Birnen durchaus einen Erkenntnisgewinn liefern kann, sie vergleichend zu betrachten, etwa im Unterschied zur vergleichenden Betrachtung von Äpfeln und Eisbären. Äpfel und Birnen haben zunächst einmal viele Gemeinsamkeiten und es kann sinnvoll sein, über diese zu reflektieren, um auf ihre tatsächlichen Wesensmerkmale zu stoßen. Beispielsweise sind beide Obst, ebenso wie Theater- und Filmwerke Kunst sein können. Innerhalb der Kunst haben sie jedoch genau wie Äpfel und Birnen unvergleichbare Eigenschaften, weil sie eigenständige Kunstformen sind, so wie Äpfel und Birnen eigenständige Obstsorten sind. Solche Betrachtungen mögen trivial erscheinen, doch wird häufig so gesprochen, als fänden wir hierin einen wesentlichen Unterschied zwischen Theater und Film. Zum einen derart, dass der Film gewissermaßen das bessere Theater sei, in dem Sinne, dass er alles kann, was das Theater kann, plus x.  Diese Auffassung wäre vergleichbar mit der Auffassung, Birnen seien nun mal die besseren Äpfel. Oder zum anderen die Variante, dass das Theater dem Film gegenüber die „edlere“, oder „höhere“ Kunst sei, oder gar derart, dass das Theater unbedingt zur Welt der Kunst gehört, der Film aber nur in besonderen Fällen. Solche Auffassungen wären vergleichbar mit der Auffassung, Äpfel seien das bessere Obst und Birnen seien streng genommen gar kein Obst, es sei denn sie werden besonders zubereitet. Prinzipiell plädiere ich stets für die Unvergleichbarkeit von Theater und Film, doch diese Auffassung ist natürlich das Resultat eines Vergleichs und alles in allem ist es wohl so, dass wir gar nicht anders können, als Äpfel und Birnen und sogar Äpfel und Eisbären zu vergleichen, und wenn dem so ist, so wollen wir den Vergleich doch zumindest bewusst vollziehen, damit niemand auf die Idee kommt, Eisbären seien die besten Birnen.

In der Literatur wird oftmals ein Verständnis von Theater und Film besprochen, das zu implizieren scheint, das Theater und der Film hätten gewissermaßen dieselbe Aufgabe und es gelte zu ermitteln, wer von beiden sie besser erfüllt. Ich halte die Annahme, sie hätten überhaupt eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen, bereits für fragwürdig. Wenn dem aber so ist, dann vielleicht in der Art, dass sich Filme darum bemühen sollten, gute Filme zu sein, und dass sich Stücke darum bemühen sollten, gute Stücke zu sein. Natürlich tun sie dieses – wenn sie es tun – in dem Bestreben, ihrer jeweiligen Gattung Ehre zu machen. Was hier auf den ersten Blick banal erscheint, stellt sich in der Literatur oftmals weniger klar dar. Es kann einem mitunter so vorkommen, als sollte sich z.B. der Film darum bemühen, ein besseres Theaterstück zu sein und wenn er sich nur genug anstrengt, würde es ihm auch gelingen. So schreibt z.B. Wsewolod Pudowkin:

„Der Film verfügt über alle Möglichkeiten des Theaterschauspiels plus neue riesige technische und schöpferische Möglichkeiten, die erlauben, dieses Schauspiel bis zum äußersten Umfang des Inhalts eines literarischen oder sogar eines wissenschaftlichen Werkes auszudehnen. Das ist der Film in seinen Möglichkeiten. Er fasst alle bisher geschaffenen Künste in sich.“

Die erste und gleichermaßen zentrale Behauptung des Zitats ist, dass der Film über alle Möglichkeiten verfüge, über die auch das Theater verfügt. Diese Behauptung ist natürlich schlichtweg falsch. Es liegt zwar auf der Hand, dass es normalerweise die Möglichkeiten des Theaters sprengt, eine Stadt in Flammen aufgehen zu lassen, aber wenn im Theater auch nur eine Kerze brennt, können wir potentiell alle in Flammen aufgehen. Es ist ein filmimmanentes Faktum, dass der Film Objekte wie Subjekte auf lediglich zwei sinnlich relevante Informationen reduziert, nämlich die visuellen und akustischen Eigenschaften derselben und damit auch auf der Rezipientenseite lediglich zwei Sinnesorgane anspricht. Im Theater sind Subjekte wie Objekte potentiell immer mit allen Sinnen wahrnehmbar, was natürlich daran liegt, dass die Akteure mit all ihren wahrnehmungsrelevanten Eigenschaften mit uns anwesend sind. Beim Ansehen eines Films wird das Dargestellte nicht nur auf seine akustischen und visuellen Informationen reduziert, sondern zusätzlich noch in diesen Informationen reduziert, insofern die visuelle Ebene immer noch hauptsächlich zweidimensional funktioniert und selbst beim dreidimensionalen Kino der räumliche Aspekt lediglich simuliert wird. Auch die akustischen Informationen haben anders als beim Theater immer dieselbe Quelle, die Geräusche kommen aus Lautsprechern und sind räumlich unabhängig von ihrem zugeordneten Verursacher. Im Theater macht es für das Publikum Sinn, sich bei einem Knall der Richtung der Geräuschquelle zu zuwenden, im Kino macht es keinen Sinn, sich dem Lautsprecher zu zuwenden. Auch der Versuch, unseren Körper zum Dargestellten auszurichten, macht den Film betreffend keinen Sinn, das Theater betreffend womöglich schon. Im Theater kann man die Position des Schauspielers immer im Theaterraum orten, im Film muss ein solcher Versuch ergebnislos bleiben, insofern weder ein Schauspieler anwesend ist, noch ein Filmraum – es gibt einen Kinoraum und eine Lein-Wand, im Theater gibt es zwar oft auch die Trennung von Bühnenraum und Zuschauerraum, in jedem Falle aber bilden sie zusammen einen Theaterraum. Man kann an dieser Stelle einen interessanten Dualismus von Theater und Film formulieren; im Film sind die Dinge oft konkret dargestellt, werden aber aufgrund ihrer Reduziertheit auf ihre visuellen und akustischen Informationen abstrakt rezipiert, im Theater werden die Dinge oft abstrakt dargestellt, können aber nur konkret, d.h. mit all ihren sinnlich wahrnehmbaren Informationen rezipiert werden.

Kürzlich habe ich im Theater Bremen Klaus Schumachers Inszenierung der „Buddenbrooks“ gesehen. Im Verlauf der Arbeit an diesem Text entschloss ich mich, im vergleichenden Selbstversuch auch eine „Buddenbrooks“-Verfilmung (Regie: Heinrich Breloer, 2008) anzuschauen. Der erste mehr oder weniger allgemeingültige Unterschied zwischen der Theaterinszenierung und der Filminszenierung ist natürlich der, dass wir die Figuren im Film z.B. in Lübeck dargestellt sehen, in Travemünde, am Meer – wir sehen das Haus, in dem die Buddenbrooks leben, wir sehen die Kutschen, in denen sie fahren, wir sehen den Unterschied zwischen dem Leben in Lübeck und dem Leben in Travemünde, Amsterdam oder München usw. – in Schumachers Bühnenversion sehen wir kein Haus, keine Stadt, keine Kutsche, kein Meer. Das Bühnenbild ist schlicht, ein Fischgrätenparkett liegt auf dem schwarzen Bühnenboden, darauf stehen ein paar antike Stühle, an der Decke hängen verschieden große Kirchturmglocken, die im Verlauf des Stücks immer tiefer sinken, so wie das bloß gelegte Parkett durch die Bewegungen der Schauspieler immer weiter auseinander rückt, Löcher entstehen, die den schwarzen Bühnenboden freigeben.

Der Film präsentiert uns eine in sich geschlossene Welt, von der wir absorbiert werden. Die Welt des Bühnenstücks ist keine in sich geschlossene, sie wird in uns geschlossen oder nicht. Der Film öffnet ein Fenster, durch das wir auf die Geschehnisse in der Filmwelt blicken, das Bühnenstück eröffnet uns einen Raum, in dem wir für die Dauer seines Vorhandenseins mit den Figuren interagieren können. Der Film erlaubt es uns, Gäste in der Welt der Figuren zu sein, das Bühnenstück erlaubt den Figuren, Gäste in unserer Welt zu sein. Der Effekt hierbei ist, dass wir im Film Vorgänge gezeigt bekommen, die wir im Theater empfinden müssen. Was der Unterschied des Lebens in Lübeck zu dem Leben am Meer ist, wird uns im Theater nicht über Landschaftsaufnahmen gezeigt, sondern durch die Figuren. Im Film zeigt uns eine Veränderung der Umgebung eine Veränderung der Figuren an, im Theater wird uns durch Veränderungen der Figuren, eine Veränderung der Umgebung angezeigt. Was der Unterschied des Lebens in Lübeck zu dem Leben am Meer ist, muss die Figur uns zeigen. Die Veränderung wird in ihr und nicht außerhalb ihrer dargestellt. Daher sind wir im Theater dazu aufgefordert, tiefer in die Figuren zu blicken. Unvermittelter und dadurch unmittelbarer, mit ihnen in Kontakt zu treten. Der Film kann die Figuren in ihren Zeitzusammenhängen darstellen, im Theater können die Figuren diesen Zeitzusammenhang zwar in sich tragen, doch die Figuren sind immer gegenwärtig, es ist immer jetzt.

Dieser Unterschied zeichnet sich in meinem vergleichenden Selbstversuch am drastischsten in der Figur des Christian ab. In der Filmversion erhaschen wir lediglich einen flüchtigen Blick auf seine innere Entwicklung – seine sich verstärkende Verzweiflung wird dem Zuschauer hier hauptsächlich durch die Länge seines Bartwuchses angezeigt. Ganz anders in der Bühnenversion. Durch Alexander Swobodas Interpretation der Rolle erreicht die Figur des Christian neben allem Slapstick eine immense Tiefe. Swoboda gelingt es zunächst durch äußerliche Ver-rücktheiten, auf die innere Konstitution der Figur aufmerksam zu machen, im Verlauf des Abends wird diese Innerlichkeit dann aber eben nicht durch Bartwuchs oder dergleichen veräußert, sondern im Gegenteil: Alles Äußere wird von Swoboda soweit zurückgenommen, dass wir immer tiefer und damit immer klarer auf die innere Verzweiflung dieser Figur blicken. Christians Reisen werden als das, was sie im Familienzusammenhang sind, nämlich als Abwesenheiten gezeigt, als Versuch, den engen Familienbanden zu entkommen. Diese Abwesenheiten bringt Swoboda dann mit zurück auf die Bühne und zwar in ihrer Ergebnislosigkeit. Es ist Christian nicht gelungen, der Last und dem Druck seiner Familienpflicht etwas vom selben Gewicht entgegenzusetzen. Wir begreifen, dass gleichgültig, wie weit weg, und egal, wie lange Christian fort war, es ihm nicht gelungen ist, die Fesseln zu sprengen. Es kann ihm nicht gelingen, denn das Gefängnis, in dem sich die Figur befindet, ist nicht identisch mit dem Ort des Familienhauses, das Gefängnis ist in ihm, und wohin er auch geht, er trägt es in sich.

Vielleicht kann uns der Film besser als das Theater die Geschichten von Figuren erzählen. Schließlich geht niemand ins Theater um herauszufinden, wie „Romeo und Julia“ endet. Und vielleicht kann uns das Theater im Gegenzug, besser als der Film, die Figuren einer Geschichte nah-bringen. Der größte Unterschied aber dürfte der sein, dass das Theater uns braucht, um zu sein. Der Film nicht. Eine Filmvorführung kann auch ohne Publikum eine Filmaufführung sein, eine Theateraufführung ist ohne Publikum keine Theateraufführung, höchstens eine Probe. Und wenn sich alles glücklich fügt und eine Theateraufführung zustande kommt, indem wir und indem die Akteure gleichzeitig und gleichräumlich anwesend sind, können wir miteinander interagieren. Im Kino sind wir Voyeure, im Theater sind wir Interakteure. Im Kino können wir uns zum Film verhalten, der Film sich aber nicht zu uns. Der Film ist ohne unser Zutun vollständig und kann uns vorgeführt werden, die Theateraufführung wird erst durch uns vollständig. Wir sind notwendiger, irreduzibler Teil des Kunstwerks, wir sind Bedingungen dafür, dass es die Aufführung überhaupt gibt. Das, was sich dann auf der Bühne in actu vollzieht, wäre ohne uns nicht da, und die Art und Weise, wie sich die Aufführung dann gestaltet, hängt unter anderem von uns, von ihrem Publikum ab. Das, was es ohne uns gibt, die Inszenierung, ist kein Theater. Theater findet nur und nur dann statt, wenn wir uns alle am selben Ort, zur selben Zeit versammeln und die Aufführung von dem, was außerhalb von ihr nicht vorhanden ist, gemeinsam möglich machen.

Entscheidend bei alledem scheint mir zu sein, dass wir nicht versuchen sollten, aus Birnen Apfelmus und aus Äpfeln Birne Hélène zu machen. Theater und Film sind voreinander eigenständige Gattungen, wie auch die Malerei und die Fotografie. Wir sollten dem Theater nicht vorwerfen, kein Film zu sein, oder dem Film, kein Theater zu sein, wie wir auch Äpfeln nicht vorwerfen, keine Birne zu sein, oder gar auf die absurde Idee kämen zu behaupten, das Vorhandensein von Birnen mache Äpfel überflüssig. Der Film kann Dinge, die das Theater nicht kann, und das Theater kann Dinge, die der Film nicht kann. Lassen Sie uns diese Unterschiede nicht gegeneinander aufwiegen, sondern die Vielfältigkeit dessen, was sie als jeweilige Gattung zu bieten haben, respektvoll würdigen und freudig genießen.

Anna Seitz©

Anna Seitz ist Dramaturgin, Philosophin und Theater-, Film- und Medienwissenschaftlerin. Aktuell arbeitet sie an einer Dissertation zur Philosophie und Ästhetik des Theaters. Für die TheaterVerstärker schreibt sie in Zukunft einen monatlichen Beitrag über die Vorurteile des Theaters.

Das Urheberrecht für diese Kolumne bleibt bei der Autorin.

Habt Ihr weitere Vorurteile, möchtet Ihr über Klischees und Stereotypen des Theaters sprechen? Wir freuen uns über Kommentare und über Vorschläge per Email an theaterverstaerkerbremen@gmail.com.

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