Zu MAHAGONNY: Liebes Theater…

Liebes Theater,

seit einigen Wochen nun sprichst du mich immer an. Wenn ich mich an der Uni von der Bibliothek auf in die Mensa mache. Wann immer ich mir im Viertel, im so schön gestalteten Weltladen, fair gehandelten Kaffee kaufe. Wenn ich in der Innenstadt kurz noch einmal bei H&M nach günstigen Klamotten schaue. Ja, auch nach dem Einkauf bei Netto, wo ich mir gerade das günstige Schweinefilet zusammen mit dem vom Bio-Bauer gepflückten Äpfeln gekauft habe. Immer wieder stehst du dort. Nie bekomme ich deinen Kopf zu sehen, immer nur deinen Körper. Du empfängst mich, gekleidet in Geldscheinen, und teilst mir mit, dass Mahagonny überall sei, dass die Zeit der Spekulation eröffnet ist.

Darf ich deine Hartnäckigkeit als Einladung deuten? Möchtest du mit mir über die Zukunft spekulieren? Liebes Theater, gerne möchte ich zu dir kommen. Denn, liebes Theater, schon lange errege ich mich über unsere Realität! Der Mensch ist gierig, eigensinnig, vom Geld regiert (daher kommt wohl auch deine Idee, dich nur mit Geldscheinen zu bekleiden, oder?). Er ist schlecht. Nur auf sein eigenes Wohl aus.

In meinem Freundeskreis, da wird Kritik groß geschrieben. Wir setzen uns aktiv mit den Missständen unserer Zeit auseinander! Wie gern würde ich etwas ändern. Meinen Beitrag für eine bessere Zukunft leisten.

Nur, liebes Theater, wenn da nicht dieses Zeitproblem wäre. Ich mein, ich muss ja auch schauen, dass ich mein Studium in der Regelstudienzeit zu Ende bekomme. Und naja, ganz ehrlich … wirklich ändern kann man hinterher ja doch nichts. Macht es nicht viel mehr Sinn einfach sein Leben zu genießen? Lebe dein Leben.

Ich mein, ich tue ja schon viel für meine Mitmenschen. Nicht umsonst kaufe ich meinen Kaffee fair gehandelt und den Apfel vom Bio-Bauer.

Kann man denn mehr machen?

Vor einigen Tagen habe ich mit ein paar Kommilitonen Kritik an der zunehmenden Kommerzialisierung des Fußballs geübt. Kritik üben finde ich wichtig. Naja, als wir also gerade Kritik übten, da fiel mir einer ins Wort und sagte, ich solle doch nicht so scheinheilig daherreden! Er meinte doch tatsächlich, ich sage nur, was alle behaupten, rede nur den Leuten hinterher. Er fragte mich, was ich denn wirklich denke?

Was MEINE Vorstellung von Zukunft sei? Na, liebes Theater, ich konnte es kaum glauben.

Was denkt der sich denn?

Gerade mich zu kritisieren!

Ich mein, ich kaufe fair gehandelten Kaffee und Äpfel vom Bio-Bauer!

Was sagst du? Du stimmst ihm da voll zu? Genau das sei dein Ziel: mich zu provozieren, mich mit mir selbst zu konfrontieren? Mich mit Musik zu beschallen, visuell zu überreizen, streitbare, interessante kleine Pfade in einer möglichen Zukunft zeigen? Einen Raum für Spekulationen bieten, mir nicht den großen ganzen Weltschmerz servieren, sondern kleine Ideen geben. Mich denken lassen, zum Diskutieren anregen, zum Lachen bringen oder vielleicht doch auch ein wenig zum Weinen? Kurz: Du willst nicht die Oberfläche behandeln, du willst unterhaltend ins Innere führen?

……

 Oh liebes Theater, genau dann möchte ich deiner Einladung folgen.

 „Im Provokatorischen sehen wir die Realität wiederhergestellt.“

– Bertolt Brecht

Robin Koss

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