Zu MAHAGONNY: Mein angstfreier Raum

Die Stimme ist bei mir. Von Anfang an. Sie sagt mir, wohin ich gehen soll. Sie gehört einem Mann. Ich stehe in einem Bereich des Theaters, in dem ich noch nie war und in dem ich wahrscheinlich auch nie wieder sein werde. Die Schilder an den schweren Metalltüren heißen „Tauraum“ oder „Feuerschutz-Geräteraum“ und oft weiß ich nicht, was sich dahinter verbirgt. Die Stimme liest sie mir vor und sagt mir, was ich tun soll. Sie ist fürsorglich, rät mir, mich am Treppengeländer festzuhalten: „Vorsicht, die Treppe ist steil.“

Es ist Mitternacht und ich bin allein – nicht ganz, die Stimme begleitet mich, aber trotzdem fühle ich mich unsicherer als wenn anstelle des MP3-Players eine weitere Person bei mir wäre. In einem Treppenhaus geht plötzlich das Licht aus. Ist es einfach eine automatische Zeitschaltuhr oder ist es Absicht?

Ich höre nicht nur die Stimme aus den Kopfhörern, da sind auch Schritte und ich drehe mich um, obwohl die Stimme sagt, dass ich das nicht tun soll. Jeden Moment erwarte ich, dass jemand auftaucht, wie in der Geisterbahn, aber das geschieht nicht. Einmal soll ich mich in einem Türeingang verstecken, es ist spannend.

Dann geht der Weg langsam zu Ende. Ich bin in der Nähe der Bühne, das spüre ich, obwohl ich mich nicht wirklich orientieren kann. In einem kleinen Raum steht ein Stuhl vor einem beleuchteten Spiegel. Ich soll mich setzen. Während ich in den Spiegel schaue, vervielfacht sich die Stimme, überlappt sich und zählt auf, wovor man Angst haben kann. Ich schaue in mein Gesicht und es ist eine Stimme in meinem Kopf, die nicht meine eigene ist. Allein das ist unheimlich. Ich bin froh, als ich aufstehen soll, aber in dem Moment öffnet sich die Tür und der Mann nach mir kommt herein. Er erschrickt und schreit auf.

Dann öffne ich eine Tür und betrete die Bühne. Es ist unglaublich schön. Überall blaues Licht und die sanft schwebenden Haie im Raum. Ihre Schatten ziehen über den Boden und es ist ein bisschen wie unter Wasser. Die Stimme ist weg, stattdessen ist da Musik. Ich lege mich auf den Boden und schaue nach oben und möchte einfach so liegen bleiben.

Dunja Rühl

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