Theatervorurteil des Monats: „Nacktheit im Theater provoziert niemanden mehr.“

Folgende Geschichte wurde mir zugetragen: Im Rahmen eines Theaterfestivals (welches sich besonders an jüngere Erwachsene adressiert hatte) fand eine (Tanz-)Theatervorstellung statt, in der ein Darsteller für einen gewissen Zeitraum nackt agierte. – Achtung: Das mir bemerkenswerte kommt erst jetzt – Meine Quelle besagt, dass das Stück vielerlei interessante Aspekte beinhaltete, über die sie sich nun im Anschluss gerne ausgetauscht hätte, doch war selbiges nicht möglich, da alle Reaktionen auf das Stück sich lediglich auf den Moment der Nacktheit bezogen und zwar in dem Sinne, dass sich darüber echauffiert wurde, dass es jawohl ein alter Hut sei mit Nacktheit im Theater provozieren zu wollen, obgleich Nacktheit ja schon lange niemanden mehr provoziere.

Soweit die Geschichte. Was mich daran aufhorchen lässt, ist der merkwürdige Umstand, dass zum einen offenbar mehrheitlich das Vorurteil besteht, Nacktheit im Theater habe die Absicht das Publikum zu provozieren und dass gleichzeitig eine Weigerung besteht, sich davon provozieren zu lassen – verbunden mit der Tatsache, dass das vorherrschende Thema des Abends dann dennoch jene Nacktheit darstellte, die angeblich niemanden mehr provozieren könne.

Wir müssten also zunächst klären, ob die mehrheitlich getroffene Aussage, Nacktheit provoziere doch längst niemanden mehr, zutrifft und falls nicht, warum nicht. Oder ob wir die Aussage ernst nehmen dürfen, dass Nacktheit niemanden mehr provoziert, dann müssen wir uns aber fragen, was sonst in Frage kommt, das Aufwühlen der Gemüter verursacht zu haben.

Zunächst einmal wollen wir uns also die Nacktheit vornehmen, die ja zurecht als alter Hut tituliert wird. Es ist schwerlich vorstellbar einen Weg von 100m zurückzulegen ohne zumindest sehr leicht bekleidete Menschen auf Plakaten, Zeitschriftentiteln oder auch auf der Straße selbst zu begegnen. Im Fernsehen oder auch im Internet können wir diese Behauptung getrost für 10min im jeweiligen Medium geltend machen. Den Aufruhr, den die Abbildung von spärlich bekleideten Körpern in Zeitschriften oder Filmen vor 40-50Jahren noch verursacht haben mögen, erscheint uns heute nahezu unverständlich. Sexualität gilt als enttabuisiert. Und tatsächlich scheint kaum eine Darstellungsweise von Sexualität vorstellbar, die um ihrer selbst willen Aufruhr erzeugen könnte. Doch wir wollen die Darstellung von Sex nicht mit der Darstellung von Nacktheit verwechseln. Die Nacktheit ist ein eigenes Phänomen und zwar derart, dass die Reizüberflutung durch nackte Körper, auf die mit Gleichgültigkeit reagiert wird, nur auf bestimmte Körpertypen zutrifft. Die Medienlandschaft ist nämlich zweifellos überfüllt mit Variationen von Nacktheit, jedoch keinesfalls mit Variationen von Körperlichkeit.

Dieser Umstand scheint mir entscheidend für die Reaktionen auf Nacktheit im Theater – Darstellung von Sexualität in der Medienlandschaft mag nämlich durchaus als enttabuisiert gelten, Darstellung von Körperlichkeit dagegen ist streng limitiert und damit tabuisiert. In den Medien hat eine Stereotypisierung von Körpern stattgefunden. Beherrschend ist hier jeweils ein Stereotyp von Frauenkörpern mit den sog. Idealmaßen unserer Zeit und ebenso ein Stereotyp von Männerkörpern mit den Idealmaßen unserer Zeit. Wobei alle wissen, dass es die abgebildeten Körper so nicht gibt, wir reden von „Photoshop- Bildern“. Wir haben es also nicht mit echten Körpern zu tun, sondern eigentlich mit so etwas wie Signifikanten von Nacktheit. Die Tabuisierung geht hier noch weiter, nämlich tatsächlich in den Bereich der Darstellung von Sexualität – es ist richtig, dass es kaum eine Darstellungsweise sexueller Praktiken gibt, von der wir uns vorstellen könnten, dass sie provozierend auf uns wirken könnte – es gibt aber unzählige Variationen der Darstellung von Körperlichkeit in Zusammenhang mit Sexualität, die unmittelbar provozierend auf uns wirken würde. Das hat mit dem Umstand zu tun, dass in der Medienlandschaft nur besagte stereotype Körper bei der Ausübung sexueller Praktiken gezeigt werden. Man könnte so formulieren, dass medial nur ein bestimmter Körpertypus als sexberechtigt gilt, nämlich schlanke, trainierte, unbehaarte, glatte Körper ohne Dellen und Falten. Andere Körpertypen, wie etwa beleibte oder behaarte Frauen- oder Männerkörper fallen in den Bereich des Fetischs, der Komödie oder der Perversion.

Man denke beispielsweise an den Aufruhr, den die US- amerikanische HBO- Serie „Girls“ vor einiger Zeit verursacht hat, der nur und nur dem Umstand geschuldet war, dass die Körperlichkeit der Hauptdarstellerin nicht den stereotypen Idealmaßen entspricht und die sich trotzdem herausnimmt sexuell aktiv zu sein. – Wenn ich mir diese Umstände bewusst mache, ist es nur allzu verständlich, warum ein nackter Körper auf einer Theaterbühne provozierend wirkt und gleichzeitig das Gefühl besteht, man dürfe als sexuell aufgeklärter Mensch davon nicht provoziert sein.

Die nackten Körper auf einer Theaterbühne sind nämlich möglicherweise keine idealtypischen und selbst wenn sie nah dran sein sollten, so sind sie eben keine „Photoshop-Körper“ und damit auch nicht bloße „Signifikanten von Nacktheit“, sondern tatsächlich nackte Körper, die zudem noch anwesend sind. – Und jeder „echte“ Körper hat zumindest ein paar Dellen und Falten, womöglich sogar Haare oder Fettpolster, oder er ist blaß, oder alt oder oder oder…

Sehen wir also einen echten nackten Körper im Theater, erleben wir in unserer Reaktion die Differenz von dem, was wir als aufgeklärte Menschen unserer Zeit als enttabuisiert wahrnehmen sollen, nämlich die Nacktheit an sich – und gleichzeitig, den uns vielleicht nicht unmittelbar bewussten Umstand, dass wir hier mit einem sogar tabuisierten Tabu, nämlich der Attraktion der Vielfältigkeit von Körperlichkeiten, welche uns medial ansonsten vorenthalten wird, konfrontiert sind. Befreite Sexualität und befreite Körperlichkeit sind zunächst zwei unterschiedliche Dinge, von denen wir uns aber durchaus fragen sollten, ob eine Darstellung befreiter Sexualität im unfreien Körper überhaupt möglich ist oder ob solches nicht zwangsläufig auch zur Retabuisierung von Sexualität führen muss. – Die andere Seite dabei ist, dass die mediale Darstellung von stereotyper Körperlichkeit tatsächlich auch durch uns selbst als Tabu tabuisiert wird, nämlich indem wir insgeheim oder offenkundig, behaupten, dass wir alle selbstverständlich – zumindest ungefähr – so aussehen, wie die Männer und Frauen im Fernsehen und in der Reklame. Wir sind hier also gleichsam Opfer und Täter in diesem Zirkel. – Steht dann aber ein nackter Körper auf der Theaterbühne, der umgekehrt selbstverständlich nicht so aussieht wie die Frauen und Männer der übrigen Medienlandschaft kommen wir in Verlegenheit, weil wir uns des Betrugs bewusst werden, dem wir da einerseits anheimgefallen sind und gleichzeitig werden wir uns andererseits unseres Selbst- und Fremdbetrugs gegenüber uns selbst und unserem Umfeld gewahr. Denn das wir nicht einmal annähernd ungefähr so wie die Frauen und Männer im Fernsehen aussehen, ist ein schmutziges kleines Geheimnis, dass nur wir selbst und unser Partner kennt, mit dem wir uns herausnehmen, trotz unserer abweichenden Körperlichkeit, sexuell aktiv zu sein.

Nun, ich überzeichne die Lage (hoffentlich), doch der Punkt auf den ich hinaus möchte ist keine Übertreibung. Und eine spezifische Qualität von Theater ist es, derart verborgene Phänomene durch die Unmittelbarkeit der Wahrnehmungsweise und die Echtheit der Darstellung in uns an die Oberfläche zu befördern. Ich glaube dabei übrigens nicht, dass Regisseure oder Darsteller durch Nacktheit auf der Bühne provozieren wollen. Im Gegenteil. Nacktheit hat im Theater einen ganz anderen Effekt, einen vielleicht viel intimeren, der nicht abschrecken, sondern enthüllen will. Nacktheit zeigt uns nämlich, dass das was wir im Theater erleben, nicht auf Täuschung basiert, sondern auf Verführung. Auf Verführung zum gemeinsamen Spiel. Wenn wir in einer klassischen Theateraufführung mit – sagen wir beispielsweise barockem Kostümbild – sitzen, mögen wir vielleicht annehmen, man würde uns mit Tricks und Tücke, nämlich etwa den barock anmutenden Kostümen etwas präsentieren, das auf uns als Illusion wirken soll. Doch tatsächlich besteht der Zauber von Theater keinesfalls in der Illusion. Es ist meine Überzeugung, dass niemand im Theater glaubt, dass da oben auf der Bühne der echte Prinz von Dänemark zu sehen wäre. Wir fallen nicht auf Kostüme rein, wir wissen die ganze Zeit, dass Schauspieler und Figur verschiedene Persönlichkeiten sind. Die Figur erscheint nicht im Kostüm, das der Darsteller an und ausziehen kann. Der Darsteller schenkt der Figur seine gesamte Körperlichkeit, seine Stimmlichkeit, seinen Atem, seine Tränen. Und in dem er all das der Figur zur Verfügung stellt, schenkt er uns die Figur, macht sie für uns wahrnehmbar, fühlbar, spürbar. Die Nacktheit eines Darstellers macht das deutlich, legt das offen. Er kann das Kostüm ausziehen und trotzdem ist Hamlet noch da. Das ist kein Trick, auf den wir reinfallen sollen und ich glaube, darin besteht der symbolische Akt, wenn ein Schauspieler sein Kostüm auszieht. Für den Darsteller, wie auch für die Regie ist immer klar, dass alles, was sie auf die Bühne bringen, ein Angebot an uns ist, aber nur wenn wir es annehmen, entsteht das echte Spiel, dann tritt es aus dem Bereich des Entertainments heraus und wird zu etwas gleichzeitig ernstem und spielerischen. Wenn ein Darsteller sich uns nackt zeigt, zeigt er damit auch wie ernst ihm dieses Angebot ist, wie verletzlich er sich damit macht. Und wir können uns selbst fragen, ob wir so viel Echtheit im Spiel annehmen können, ob wir sie annehmen wollen, oder ob wir uns lieber täuschen lassen – ob wir Illusion oder Interaktion wollen. Und vielleicht kann uns auch diese Frage in Verlegenheit bringen, wenn wir keine Antwort auf sie haben.

Aber unabhängig davon, ob wir als Zuschauer auf eine solche Frage eingehen möchten, oder nicht, so könnten wir uns doch darüber freuen, dass es bei all der medialen Darstellung stereotyper Körperlichkeit, doch zumindest im Medium des Theaters hin und wieder einmal echte Körperlichkeit zu sehen gibt. Und wir könnten uns fragen, ob diese Körper nicht tatsächlich viel interessanter sind als all die infantile Glattheit der Stereotypen und ob es nicht an der Zeit wäre, auch in anderen Medien mehr davon sehen zu wollen.

Anna Seitz©

Anna Seitz ist Dramaturgin, Philosophin und Theater-, Film- und Medienwissenschaftlerin. Aktuell arbeitet sie an einer Dissertation zur Philosophie und Ästhetik des Theaters. Für die TheaterVerstärker schreibt sie einen monatlichen Beitrag über die Vorurteile des Theaters.

Das Urheberrecht für diese Kolumne bleibt bei der Autorin.

Habt Ihr weitere Vorurteile, möchtet Ihr über Klischees und Stereotypen des Theaters sprechen? Wir freuen uns über Kommentare und über Vorschläge per Email an theaterverstaerkerbremen@gmail.com.

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2 Gedanken zu “Theatervorurteil des Monats: „Nacktheit im Theater provoziert niemanden mehr.“

  1. Liebe Anna,
    beim Lesen des Arikels ist mir nochmal bewusst geworden, wie allgegenwärtig die „Photoshop-Bilder“ sind, und wie somit gewisse Sterotypen konstruiert werden. Das es nicht überall auf der Welt dieses „Schönheitsideal“ gibt, sollten wir uns bewusst machen, dass wir unter dem Einfluss des medial vorherrschenden Stereotyps stehen.
    Zur Zeit befinde ich mich in Mexiko und habe bisher erleichtert festgestellt, dass hier die öffentliche Werbung nicht ganz so starke präsenz zeigt. Was allerdings (meiner Meinung nach) viel schlimmer ist: Wenn Werbung gezeigt wird, auf denen Personen zu sehen sind, dann sind dies nicht MexikanerInnen, sondern AmerikanerInnen. So räkeln sich auch hier auf den Werbeplakaten fast gänzlich entblößte Körper, die nach gewissen standardisierten Schönheitsidealen visuell zurechtgemacht wurden.
    Was das in den Köpfen der Menschen hervorruft ist doch eher: Seht her: Das westliche Schönheitsideal. So sollen alle sein.
    Wie Nacktheit im öffentlichen Raum hier gehandhabt wird ist mir noch nicht ganz klar. Offensichtlich jedoch ist: So freizügig, wie in manchen europäischen Ländern, in denen ich bisher war, sind die Menschen hier nicht.
    Demnach stellt sich mir auch die Frage: Wie wird hier Nacktheit im Theater dargestellt? Nackt bedeutet ja nicht immer gänzlich nackt.
    Ich werde es hoffentlich bei einen meiner Theaterbesuche herausfinden.
    Sonja

  2. Danke für diesen Beitrag. Ich gehe oft und gerne ins Theater und gelte in meinem Umfeld als Exot. Ein Grund für viele, nicht mehr (?) ins Theater zu gehen: da sind immer Nackte zu sehen. Auf Nachfrage kann das natürlich nie verifiziert werden (Wann warst du letzte Mal im Theater und in welchem Stück? Keine Ahnung.) und auf Nachfrage kann nie angegeben werden, was denn, wenn es sie gegeben hat, an der Nacktheit jetzt problematisch gewesen sein soll.
    Insofern war ich heilfroh über die Bremer Räuber, wo endlich wieder einmal jemand nackt auftrat. Und über das kürzliche Titelbild von „theater heute“, wo eine ganze Frauentruppe nackt auftrat – und eben nicht „ge“photoshopped.
    Fast könnte man meinen, die Angst vor Nacktheit auf dem Theater (warum eigentlich dort? wer schaltet den Tatort ab bei der hundersten Einblendung eines Nachtclubs, in dem recherchiert werden muss und wo im Hintergrung immer gepooldanced wird).
    Ein merkwürdiges Phänomen, denke ich …

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