Schimmernder Dunst über CobyCounty

In CobyCounty scheint immer die Sonne, alle sind schön und hip und freundlich und der Boden glitzert. Der 26-jährige Literaturagent Wim steht auf der silbernen Fläche ein bisschen wie bestellt und nicht abgeholt. Um ihn herum verteilt die Menschen, die ihm nahestehen: Seine Mutter mit pinkem Kleid und Kurzhaarfrisur, ihr Mann im Jackett, Wims Vater mit weißem Sportdress, Wims Freundin Carla, sein bester Freund Wesley, sein Chef in Anzug und Pferdeschwanz. Ein bisschen wirken sie wie in einem Computerspiel, vielleicht muss man nur auf sie draufklicken, damit sie zu sprechen beginnen.

Die Oberflächlichkeit dominiert. Es wird viel geredet, aber wenig gesagt, viel gegessen und getrunken: Kaffee, Bier, Eistee, Orangensaft, Croissants, Cupcakes, Pizza, Eiskaffee. „Wollen wir mal einen Tag lang alles so meinen wie wir es sagen?“, fragt Carla. Wim weicht aus.

In Leif Randts Roman „Schimmernder Dunst über CobyCounty“ kann sich eine Generation wiederfinden. Der Inszenierung von Felix Rothenhäusler gelingt es nur bedingt, diese Faszination zu entfalten. Zu lange sind manchmal die Pausen, zu hölzern die Figuren und ein wenig zu spärlich gesät die guten Einfälle und starken Bilder – die es durchaus gibt.

Eine der berührendsten Szenen spielt sich zwischen Wim und seiner Keyboardlehrerin ab – ebenfalls eine Carla, nachdem die erste ihn verlassen hat: Sie spielen und singen gemeinsam „Everytime“ von Britney Spears und transportieren im Gesang eine Verletzlichkeit, die den Dialogen fehlt.

Tatsächlich sind es die oberflächlichen Dinge, die in diesem Stück am meisten beeindrucken: Bühne, Kostüm und Maske.

Dunja Rühl
http://www.youtube.com/watch?v=3pj7HkqIzHY

Die Highlights: Bunte Pailletten und ein Einhorn

Viel passiert nicht in diesem Stück. Aber viel passiert auch nicht in der Romanvorlage.

In Coby County schlürft man Cocktails und Espresso, vertreibt sich die Zeit am Strand und wartet…ja worauf eigentlich? Und man isst augenscheinlich unglaublich viel. Denn das ist es, womit die Schauspieler die meiste Zeit beschäftigt sind. Träge stopfen sie sich Croissants, Kuchen und allerlei Anderes in die gelangweilten Münder. Für Emotionen ist kein Platz auf der Bühne. Höhepunkte gibt es nicht, keine großen Gefühle, nicht einmal eine wirkliche Dramaturgie. Sogar als die Hauptfigur Wim mit seiner neuen Freundin Karla schläft, läuft dies eher mechanisch denn leidenschaftlich ab. Wären da nicht die abertausenden Pailletten, die den kompletten Bühnenboden bedecken und welche bei dem Geschlechtsakt durch die Gegend fliegen und alles in Glitzer tauchen. Oder doch, einen Höhepunkt gibt es. Als nämlich ein echtes Pferd mit einem Horn und bunten Haarextensions die Bühne betritt. Warum genau, bleibt mir schleierhaft.

Coby County handelt von einer desillusionierten Generation. Abgestumpft und nihilistisch. Man redet über das Wetter und andere belanglose Dinge. Man muss für nichts mehr kämpfen, Dinge passieren und werden nicht hinterfragt. Als Wim seinen Job als Literaturagent verliert, nimmt er dies emotionslos hin. Beziehungen zwischen den Figuren existieren nicht wirklich oder laufen nur auf einer extrem unterkühlten Ebene ab. Und so treten Figuren auf und gehen ab und sagen Dinge oder eben nicht, lächeln sich minutenlang an oder starren bloß.

Man kann dieses Stück als eine Satire auf unsere Wohlstandsgesellschaft sehen, die keine richtigen Probleme hat und einfach so dahinlebt. Unter diesem Aspekt gelingt es dem Regisseur Felix Rothenhäusler äußerst gut, diese Stimmung einzufangen und auf der Bühne umzusetzen. Oder man findet den Stoff einfach nur langweilig, während man sich die ganze Zeit fragt: „Wo führt die Handlung hin?“ um dann enttäuscht herauszufinden: nirgendwo.

Theresa Mattusch

 

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