„Ich bin der perfekte Münchner!“

Ein Gespräch mit Alexander Giesche, dessen Arbeit „Der perfekte Mensch“ am 16. November um 20h wieder im Theater Bremen zu sehen ist.

Martin Mutschler: Was ist deine Lieblingseissorte?

Alexander Giesche: Pistazie, ganz eindeutig. Als ich meine Abschlussarbeit für Gießen geschrieben habe, habe ich einen Sommer in der Eisdiele gearbeitet; das war der schönste Sommer meines Lebens. Eine der besten Eisdielen in München, und ich habe es extrem genossen, den Leuten zuzuschauen, welch große Entscheidung es für sie ist, ob sie Schokolade, Vanille oder Erdbeere nehmen, und welche Erleichterung, wenn sie dann diese Entscheidung getroffen haben. Daraus resultierte eigentlich auch meine Arbeit „Black or White“, aus dem Unvermögen, Entscheidungen zu treffen.

Black or White, d.h. Schokolade oder Vanille. Und dort in München gibt es das perfekte Eis?

Definitiv. Soviel Eis, wie ich da gegessen habe, und ich habe nie genug davon gekriegt. Zitrone mit Basilikum, unglaublich. Ich steh nicht so auf Firlefanz-Kram eigentlich, aber das ist richtig, richtig gut.

Ich hab heute beim Keksebacken nach Fragen gesucht und dachte dabei, dass Kunst auf die Beine zu stellen, ja auch ist wie Kochen oder Backen: Man rührt ein paar Zutaten zusammen, und es kann eigentlich nichts schief gehen, da es sich kulturgeschichtlich bewährt hat, Kekse bei 160°C zu backen – und am Ende kann trotzdem soviel misslingen.

Das ist ja genau, warum wir „Essen & Reden“ machen. Aus der platten Idee, dass es was mit Rhythmus zu tun hat, mit den Zutaten und dem richtigen Timing. Man macht was für Gäste, die um acht kommen, also das Thema des Gastgebens und des Vorbereitens und Zubereitens. Man muss das Rezept kennen, dann kann man damit improvisieren. Da gibt es extrem viele Parallelitäten. Es hat auch damit zu tun, wie hoch die Luftfeuchtigkeit ist.

Hast du ein ähnliches Gefühl bei deinem Stück? Eine Textvorlage zu haben, die du dann nicht verwendest…

Wie oft ich mir eine Textvorlage gewünscht hätte! Aber ich könnte nie im Leben klassisch den „Hamlet“ inszenieren. Ich könnte nach Motiven des „Hamlet“ arbeiten, aber eigentlich bin ich viel zu sehr Autor. Die ganzen Bilder sind ja auch gleichberechtigt wie der Text, das Licht, die Musik; diese Hierarchien sind weitgehend aufgelöst, insofern ist es problematisch, wenn ein Detail mal nicht stimmt – dann verschiebt es den ganzen Horizont.

Gibt es trotzdem ein klassisches Stück, von dem du sagen würdest: ‚Das möchte ich mal machen, weil da für mich jeder Satz stimmt‘?

Überhaupt nicht. Aber es gibt zum Beispiel ein Stück, das ich unglaublich gerne machen würde, „Der Müll, die Stadt und der Tod“ von Fassbinder, und zwar wegen einem einzigen Satz: „Die Stadt ist mir abhanden gekommen.“ Das reicht mir als Bild schon, dass ich einen ganzen Abend drum rum bauen könnte, mit Szenen, die mich nicht interessieren, nur damit dieser Satz auftauchen könnte, nur aber, weil ich den schon so aufgeladen habe. Der Satz ist auch gar nicht so speziell, der würde euch auch gar nicht auffallen im Textfluss. So geht es mir mit ganz vielen Sachen, auch bei diesem Abend. Dass ich die Dinge aufgeladen habe, dass das auch ganz wichtig ist, weil es die innere Logik für mich macht, die muss aber gar nicht kommuniziert werden – wichtig ist nur, dass eine da ist. Das merkt nämlich der Zuschauer.

Und woran merkt er das?

Ich glaube an der Dichte. Daran, dass die Luft flirrt. Das ist wahnsinnig esoterisch auf eine Weise, aber ich glaube, dass es so ist.

Meinst du, das ließe sich nicht vielleicht doch erklären?

Bestimmt. Aber ich möchte es gar nicht erklären.

Kannst du erklären, was dir an dem Satz bei Fassbinder so gut gefällt? Würdest du sagen: ‚Das ist mein Satz‘?

Nein. Es geht um die Freiheit, mit dem Material umzugehen, es zu schreddern, die ist in mir drin, deswegen ist auch etwas wie Werktreue für mich unvorstellbar.

Bist du deswegen nicht Hausregisseur, sondern Artist in Residence – um das Publikum vor dir zu schützen, oder die Werke vor dir? Meinst du nicht, dass jemand, der den „Perfekten Menschen“ nach Motiven von Jørgen Leth erwartet, enttäuscht sein wird, weil er ihn nicht ‚wiederfindet‘?

Ich habe vorgestern den Film gesehen, eins zu eins auf der Bühne, das erste Mal. Den ich davor nicht gesehen habe. Da ist was passiert, in den Bildern … Der Film ist jetzt durch mich durchgeflossen, wie man so sagt, und es hat einen ganz persönlichen Zugriff auf dieses Material, und das ist mir dann plötzlich aufgefallen, als ich den Text von Regula [Schröter] auf dem Programmzettel gelesen habe. Eigentlich bräuchte man kein Programmheft. Als gäbe es ein Programm für den „Perfekten Menschen“. Das muss eigentlich ein weißes Blatt Papier sein. Der wichtigste Satz im ganzen Film ist für mich: „Auch heute habe ich etwas erlebt, was ich hoffentlich morgen verstehen werde.“ Und wenn man dieses Leitmotiv fürs Theater mitnimmt und sich überlegt, dass man nichts verstehen muss im Theater, sondern etwas erleben und auf einer emotionalen Ebene etwas verstehen, mitnehmen, eine sinnliche Erfahrung machen, ein ästhetisches Gefühl vermittelt bekommen, dann bin ich mir sicher, dass man das im Alltag anwenden und verstehen kann, und dass das dann plötzlich etwas mit einem gemacht hat. Zumindest sind solche Arbeiten prädestinierter dafür als ein „Hamlet“, wo ich genau weiß, am Ende…

sitzt er auf seinem Schloss in Dänemark.

Oder eben nicht, da die Inszenierung einen neuen Zugriff hat. Trotzdem weiß ich, dass es theoretisch so wäre.

Klassische Stücken funktionieren für mich, wenn mir das Stück ‚trotzdem‘, trotz seiner Distanz, etwas erzählt. Dass man einen Satz nimmt, der aus Wörtern und Lauten besteht und immer wieder neu gesprochen wird, letztlich aber 500 Jahre alt ist. Wie wenn du im Garten gräbst und eine Tonscherbe findest, und da steht dann dein eigener Name drauf.

Das Problem ist nun im Allgemeinen, dass das gesprochene Wort hierarchisch so extrem viel höher bewertet wird vom Zuschauer als das Bild, das Licht, der Sound, die Atmosphäre – noch ist es jedenfalls so. Ich habe diesmal selbst so angefangen: Ich arbeite das erste Mal mit Schauspielern, also bekommt jeder seinen Monolog. Bis wir gemerkt haben, immer dann, wenn wir versucht haben, zu klug zu sein, wurden wir wahnsinnig dumm.

Sind die Schauspieler jetzt dankbar, dass sie endlich auch mal nicht sprechen dürfen?

Darüber kann ich nichts sagen. Ich bin dankbar, dass sie mir so vertrauen und mir so Mut machen, und ich habe das Gefühl, jeder hat sein Ding gefunden, ich schaue allen unglaublich gerne zu, und das passiert mir nicht oft im Theater. Ich finde bezaubernd, wie die vier miteinander umgehen, wie sie kommunizieren. Vielleicht liegt daran dann die einzige Qualität, die ich mit in dieses Projekt gebracht habe: dass ich eine Atmosphäre geschaffen habe, wo man sich begegnet und sich kennenlernt und sich anfängt zu vertrauen und sich schätzen lernt. Sie haben ja auch ein Gespür davon, dass ich kein Regisseur bin, dass ich keine Ahnung habe von Schauspielführung, dass ich die ganzen psychologischen Spiele nicht denke, ich denke in viel größerem Kontext. Wenn jemand einem anderen einen Scheinwerfer gibt, ist das für mich eine genau so große Szene, wie wenn einer einen Text spricht. Manchmal ist auch die Abwesenheit von etwas die viel größere Präsenz, als wenn alle gleichberechtigt sprechen würden.

Und wenn du gezwungen würdest, sagen wir von deinem Intendanten, „Hamlet“ zu machen? Nimmst du dann auch den Text weg und nennst es am Ende „Hamlet“?

Nein, das würde nicht funktionieren. Ich hätte mega Bock drauf, weil es super spannende Motive darin gibt . „Hamlet“ ist natürlich einfach das Meta-Theaterstück per se, und darauf stehe ich prinzipiell sehr, und auch wenn das schon etwas abgegrast ist: Wenn das Theaterstück Bezug nimmt zu der Situation, in der es sich befindet, dann ist schon einiges gewonnen. Deshalb ist das ein Stück, das ich sofort machen würde. Und wenn auch nur einen Bruchteil aus dem großen Hamletmonolog drin vorkommt und man die ganze Zeit sonst nur Schauspieler auf der Bühne sieht, die sich drüber streiten, wer jetzt den Hamlet spielen darf, keine Ahnung. Auch, weil die Leute denken, ‚kommt jetzt ein Hamlet‘? Also mit Erwartungshaltungen zu spielen, finde ich superinteressant. Dabei geht es nicht darum, den Mittelfinger auszustrecken …

Was ist dann der Effekt davon?

Ich glaube, dass sie überrascht werden und gezwungen sind, anders nachzudenken, auch über ihre Erwartungshaltung. Es ist ein wahnsinniges Luxusproblem, allgemein Erwartungshaltungen überhaupt reflektieren zu können, aber alle zwischenmenschlichen Probleme unserer Gesellschaft haben eigentlich nur was mit Erwartungshaltungen zu tun. Dass du welche hast, die dein Gegenüber nicht erfüllt.

Aber ist dann nicht „Der perfekte Mensch“ als Titel eine ähnliche Bürde, wie „Hamlet“ es wäre?

Ja. mit Sicherheit. Und gleichzeitig ein ähnliches Geschenk. Ich habe so oft geschimpft, ich hätte mich durchsetzen müssen, denn zwischendurch hätte ich es gerne „Salatgurke I-III“ genannt, um erst einmal alles wegzuwischen, weil das Publikum den perfekten Menschen ja sowieso drauf projiziert. Ich wurde gefragt, ob der perfekte Mensch denn an diesem Abend zu sehen sein würde, und ich habe gesagt: ‚Im Idealfall haben wir vier perfekte Menschen da in diesem Raum‘, auch wenn das natürlich total platt ist.

Was ist also für dich der perfekte Mensch?

Das wurde ich daraufhin auch gefragt, ich habe geantwortet: Das wäre jemand, der vielleicht ganz kurz im Moment ist, der ganz kurz nicht nachdenken muss, der vielleicht einfach mal zufrieden ist mit der Situation, in der er sich befindet. Dann wird das natürlich total schwierig im Theater, weil genau das Theater für mich ein wahnsinniger Ort des Reflektierens und Nachdenkens ist, wenn auch auf einer emotionalen oder körperlich-sinnlichen Ebene. Es hat sechs Wochen Probenarbeit gedauert, bis ich wusste, was ich mit dem Stück erzählen will, und dann war ich so überrascht, dass es sehr intuitiv für mich zumindest plötzlich zu einem runden Ding geworden ist. Was eine wahnsinnige Gratwanderung ist. Es ist ein sehr fragiles System, das wir geschaffen haben – was mit Behauptungen zu tun hat, mit Rhythmus und der Spannung, mit der es performt wird.

Aber ist diese Spannung was Objektives? Vielleicht bist du ja unzufrieden mit der Aufführung, aber das Publikum merkt das gar nicht, sondern ist begeistert?

Das weiß ich nicht genau, ich glaube, wir sind vielleicht nicht alle musikalisch, aber haben doch ein Gespür dafür, ob etwas funktioniert oder nicht, und mein Stück hat ganz viel mit Musikalität zu tun. Und nachdem diese ganzen Abende so musikalisch gebaut sind, würdest du auch merken, wenn in „Così fan tutte“ die Arie aus dem Takt gerät, auch wenn du das Stück vorher noch nie gehört hast.

Es gibt also doch den perfekten Moment, wenn man so möchte?

Es gibt eine Reihe von lauter perfekten Momenten.

Je besser der Abend gelingt, desto nahtloser reihen sich die perfekten Momente aneinander?

Für mich sind in dem Theater, das ich sehen möchte, lauter perfekte Momente, zumindest würde ich das viel lieber sehen als ganz viele andere Dinge. Das ist aber Geschmackssache, damit hat alles zu tun, mit Sehgewohnheiten und wie man sich darauf einlassen kann. Unsere Schauspieler fangen eine halbe Stunde vor Beginn zu tanzen an, die Zuschauer können schon reingehen, trotzdem fängt das Stück erst um 20h an, und dieses Technotanzen, bei dem man so zuschauen darf, aber nur am Rande beteiligt ist, ermöglicht mit der Zeit eine wahnsinnige Wahrnehmung und erdet einen. Zumindest geht es mir so, dass ich plötzlich auf Kleinigkeiten achte. Auf einer sinnlichen Ebene so runterzufahren, dass die kleinen Dinge ganz groß werden. Ganz viele Details werden in diesem Setting wie mit der Lupe vergrößert. Und wenn jeder im Zuschauerraum nur eines dieser Details für eine Sekunde um 200% vergrößert sieht, dann hab ich schon gewonnen; dann hatte nämlich jeder so einen extremen, perfekten Moment mitbekommen.

So eine starke Vergrößerung berührt ja auch die Abstraktion, eine fast asketische Art der Reduktion. Daran musste ich oft denken, als du von der Zuspitzung erzählt hast, mit der du arbeitest. Wie passen eigentlich Perfektion und Abstraktion zusammen?

Wir müssen erst einmal definieren, was überhaupt Perfektion ist. Perfektion bedeutet Vollkommenheit. Religiös gesprochen würde das heißen, dass wir sein wollen wie Gott, dass wir das Paradies erreichen wollen, insofern ist Perfektion ein Ideal. Wenn man aber sagt, Gott ist tot, wir sind unsere eigenen Götter und wir dürfen uns erlauben, das Abbild Gottes sein, und sind nur noch beschäftigt, uns selbst zu optimieren, uns die Haare zu färben und Silikonbrüste machen zu lassen, dann ist es vielleicht kein Ideal mehr, sondern wird bedrohlich; die zu vielen Möglichkeiten erschlagen einen.

Die zu vielen Möglichkeiten, wie man perfekt sein soll oder kann?

Es gibt ja unglaublich viele Ideale. Ich kann der ideale Linksradikale, der ideale Snob sein, der ideale Regisseur, der ideale Artist in Residence, der Stadttheater doof findet…

Also muss jeder erst einmal zu dem Punkt kommen, sein eigenes Ideal in Erfahrung zu bringen, und der nächste Schritt wäre dann, es anzustreben, oder hat sich das dann schon erübrigt?

Das ist wahnsinnig theoretisch, das sind genau die Aussagen, vor denen ich immer zurückschrecke, sie im Theater anzusprechen. Diese Abende funktionieren als Parcours oder Spielplatz für den Zuschauer, sich genau diese Gedanken zu machen und keine Antworten darauf zu bekommen, sondern dass die Fragen alle aufgeworfen werden und man sich fragt: Hat Perfektion nicht etwas Beängstigendes? Und gleichzeitig sieht man ein perfektes Bühnenbild, eigentlich auch vier perfekte, wunderschöne Performer auf der Bühne und denkt sich, das sieht doch alles schön aus, es ist reibungslos und greift ineinander über. Aber es ist trotzdem ein bisschen gruselig, und diese Diskrepanz ist es vielleicht, wozu ich mich bekennen könnte. Aber ich tue mich schwer, wenn ich einen Zeigefinger auf der Bühne bekomme, eine Art von Moral, wo ich denke: ‚Tut doch nicht so, als hättet ihr es verstanden‘. Mir geht es so: Ich habe nichts mehr verstanden, ich bin es auch satt so zu tun, als hätte ich was verstanden. Ich habe sechs Jahre Theater studiert: Ich verstehe nichts. Und das ist genau das, was es mich eigentlich noch machen lässt. Wenn ich es verstanden hätte, müsste ich es auch nicht mehr tun.

Das heißt, du hättest ein Ideal dann schon erreicht?

Natürlich greift man nach etwas, was in der Zukunft liegt, das hat ja was wahnsinnig Hoffnungsvolles und Schönes, da man nicht in den Rückspiegel schaut, da man damit beschäftigt ist, was erlangen zu wollen, man ist von etwas getrieben oder angetrieben. In einem gewissen Sinne würde ich mich selbst als Perfektionisten bezeichnen, der es genießt, so angetrieben zu sein, beispielsweise das perfekte Dinner zu machen, selbst den Toast Hawaii perfekt zu machen.

Ist der perfekte Moment der, in dem die einzelnen Teile plötzlich ein Puzzle ergeben? Gerade das stelle ich mir nämlich sehr musikalisch vor. Der Ausschlag des einen Stückes greift in die Einbuchtung des anderen…

Ja, also letztlich ist das alles ein Netz; dass alles mit allem verbunden ist, ist etwas, woran ich ganz fest glaube. Dass ich die Möglichkeit habe, alles, was da auf der Bühne verhandelt wird, miteinander in Verbindung zu bringen. Das sind kleine Puzzlestückchen und Bruchstücke eines Spiegels, die zusammengesetzt wieder einen großen Spiegel ergeben.

In dem man sich aber gebrochen sieht?

Ja, vielleicht. Im Idealfall pulsiert der Spiegel in unserer Aufführung durch den Bass so, dass man sich wackeln sieht.

Ich hab noch nicht ganz raus, wie das mit dem perfekten Moment ist.

Ganz viele Schauspieltheorien behandeln ja das: im perfekten Moment zu sein. Dass Schauspieler jeden Abend neu versuchen, das herzustellen.

Also wäre die Frage, wie man das Handwerk so verselbständigt oder dazu bringt, diesen Moment zuverlässig wiederherzustellen?

Das interessiert mich gar nicht. Das ist ja kein Prozess, den die Schauspieler im „Perfekten Menschen“ durchleben, es sind keine Figuren auf der Bühne, sie haben teilweise nur ganz technische Aufgaben bekommen, die sich auch nicht mit einer Emotionalität aufladen müssen, damit sie für sie perfekt sind. Sie müssen nicht selbst dabei etwas erleben. Das klingt horrormäßig, dass ich vielleicht Schauspieler zu etwas zwinge, für das sie nicht Schauspieler geworden sind, und dennoch habe ich erlebt, dass die das so unglaublich virtuos und toll machen.

Die Schauspieler dürfen also keinen Handstand machen, keine Sprachakrobatik?

Dennoch tun sie das. Die Diskrepanz, dass es manchmal doch aus ihnen rausbricht, erzeugt vielleicht auch perfekte Momente. Dass sich da etwas angestaut hat, was raus muss.

Ich hab viel über das Wort perfekt und seine Verwendung nachgedacht.

Dieser Begriff wird ja inflationär verwendet: das perfekte Hochzeitskleid, die perfekte Nudelsoße, der perfekte Schnitt für dein Hemd, damit du gut aussiehst – das sind immer Superlative, es gibt nichts drunter, man kann es nicht reduzieren.

Ich habe mich selbst bei dem Impuls erwischt, etwas perfekt nennen zu wollen. Ich schreckte dann zurück, dachte, dass Superlative doch nur was für amerikanische Filme sind, um in einem zweiten Schritt zu sagen: ‚Aber das war doch perfekt!‘ Und diesen letzten Impuls kann ich rational nicht auflösen.

In meinem Lieblingsbuch, „Achteinhalb Millionen“ von Tom McCarthy, wacht ein Mann im Krankenhaus auf, hat alles vergessen, alles verloren und wird mit achteinhalb Millionen Pfund entschädigt. Er fühlt sich total leer und ist immer auf der Suche nach Authentizität und sagt, er fühle sich, wenn er die Straße entlang geht, wie jemand, der im Film die Straße entlang läuft, weil er so medial auch erzogen worden ist, dass er das Gefühl hat, dass er die Straße wie jemand in einem Film entlangläuft, sich die Zigarette anzündet. Das Problem ist nur, dass die Zigarette in der Realität eben nicht im ersten Moment angeht, dass die Milch überschwappt, wenn man die Kühlschranktür aufmacht, und so weiter. Er fängt plötzlich an, sich so unglaublich unauthentisch zu fühlen, er kauft sich ein Haus, wo er Statisten Dinge tun lässt, die er choreographiert und re-enacted, und er re-enacted letztlich etwas, was es noch gar nicht gab: die Zukunft. Weil er sich nur dann im Moment fühlen kann. Und der spricht ganz oft vom perfekten Moment.

In dem Fall ist der perfekte Moment der, in dem man die Zukunft in die Gegenwart holt? Also der Welt etwas hinzufügt, was vorher noch nicht in der Welt ist?

Ja. Das ist natürlich Quatsch am Theater, wo man sechs Wochen mit Proben von Dingen beschäftigt ist, die man schonmal irgendwo gesehen hat, und dennoch holt man sie trotzdem aus der Zukunft, weil man den Dialog mit den Zuschauern, die aktiven Gedanken, die im Raum passieren, nicht proben kann. Und die sind genau diese Zukunft, von der du gerade gesprochen hast, der Störfaktor, das Unberechenbare im Theater, dieses Unbehagen. Der Abend ist nicht leicht konsumierbar geworden, er verlangt auf eine Art und Weise viel vom Publikum ab, da er den Zuschauer nicht an der Hand nimmt, sondern einen erst einmal ein wenig verstört. Die Irritation, dass ‚die da sich so sicher sind, dass man nichts verstehen muss‘. Ich muss mich drauf einlassen wollen, um das Erlebnis mitnehmen zu können, um morgen was verstehen zu können, was ich am Abend vorher im Theater erlebt habe.

Also die Einmaligkeit durch Anwesenheit des Zuschauers?

Ja. so funktioniert ja Performance ganz oft. Wir haben zunächst davon gesprochen, den perfekten Abend zu machen, und dann würfelt man vor dem Publikum aus, wer von den vier Schauspielern abends auf welcher Position spielt, dass ich als Zuschauer am Prozess, an dem Suchen und Erfüllen Anteil habe, an dem Versuch, Rollen perfekt auszufüllen, ihnen gerecht zu werden. Zum Beispiel müsste Andy [Zondag] den Song von Annemaaike [Bakker] singen, der für ihn viel zu hoch ist, und trotzdem bemüht er sich, es perfekt zu machen. Da wäre ich prinzipiell als Zuschauer total begeistert, Voyeur sein zu dürfen. Gleichzeitig ist das aber ein so dünnes Eis, auf die ich die vier da schicke, dass ich das nie tun würde. Es würde vielleicht gehen, wenn ich selbst auf der Bühne wäre, meine Bühnenbildnerin auf der Bühne wäre, also gemeinsam mit den Leuten, die sich das Ganze ausgedacht haben. Dass man sieht: Der Regisseur muss heute das Bühnenbild schieben und die Bühnenbildnerin die Musik fahren. Auch wenn das Material in einem Kollektiv und in einem Dialog entstanden ist, sind diese Codes extrem anders, wenn diese vier plötzlich ‚für mich‘ spielen. Das ist ja für mich eine neue Erfahrung, bis jetzt war ich immer selbst auf der Bühne.

Der Zuschauer wird in der Performance wichtiger, weil die Einmaligkeit des Moments in den Vordergrund gestellt wird. Gibt es im „Perfekten Menschen“ doch die vierte Wand – bleibt der Zuschauer draußen?

Es wird den Moment geben, wo mit der vierten Wand extrem gespielt wird, einen Spiegelmoment, in dem man sich mit sich selbst beschäftigt. Diese Umkehrung der Verhältnisse ist nichts Neues, aber in dem Kontext macht es Sinn. Ganz am Anfang, als wir das Bühnenbild entwickelt haben, dachten wir sofort an Lacan und an das Kind, das sich das erste Mal im Spiegel sieht, und wir haben uns gefragt, ob man das überhaupt darf, aber ich glaube, genau das muss man tun, es vorantreiben bis zum Exzess, und deswegen heißt der eine Song im Stück „Man in the Mirror“ und der nächste „Spiegel im Spiegel“, aber das sind nur die Details, die musst du gar nicht wissen, es reicht, dass ich die weiß.

Welches Lied hattest du im Kopf, als du heute aufgewacht bist?

Ich bin leider eingeschlafen mit Trash-TV, und das lief die ganze Nacht durch, und da lief bestimmt ein Song, der mir die Freiheit schon so weggenommen hat. Als morgens das Telefon klingelte, lief „Kaputt“ von Destroyer.

Ist es nicht auch frech, wenn du bei einem Abend, bei dem viele gar nicht genau sagen könnten, worum es geht und der „Der perfekte Mensch“ heißt, einen Spiegel hinstellst, und plötzlich müssen sie sich selber angucken und denken: ‚Ich weiß zwar nicht, wer der perfekte Mensch ist, aber der, den ich da gegenüber im Spiegel sehe, der ist es definitiv nicht‘?

Zuvor passiert es ja, dass ich als Zuschauer vier Leuten zugucke, die auf eine Art eine Perfektion haben, dass ich fast eifersüchtig werde, da ich nicht Anteil haben darf, da ich außen bin und zuschauen muss, während die tanzen dürfen. So funktioniert ja Theater ganz oft, zum Beispiel über Begierde, man überträgt sich ja die ganze Zeit. Das passiert hier durch den Begriff von den ‚perfekten Menschen‘. Objektiv passiert nur, dass vier Leute zu Techno tanzen. Gleichzeitig habe ich ein ganz großes Vertrauen darin, dass gerade Leute, die sonst keinen Elektro hören, über diese Setzung plötzlich die Musikalität dieser ganzen Geschichten verstehen oder die Schönheit an etwas, von dem man dachte, es sei nur Ton.

Ich meine, das ist die Qualität von Kunst im Allgemeinen: Mein erklärter Lieblingsfilm beispielsweise ist ein tschechischer Film der 1960er, der im Mittelalter spielt und von einer jungen Frau handelt, „Marketa Lazarová“, die von ihrem Hof weg entführt wird und mit einer Räuberbande unterwegs ist, es liegt Schnee und es ist kalt, und man schlachtet sich gegenseitig ab – und trotzdem habe ich durch die visuelle und erzählerische Kraft des Films immer Lust, Teil dieser Räuberbande zu sein. Gar nicht wegen des Abenteuers, sondern ich will dabei sein, weil der perfekte Moment, wenn man so möchte, da drin ist; und ich ertappe mich immer bei dem Gedanken: ‚Du spinnst doch‘. Sich im Spiegel anzuschauen, ist ähnlich schrecklich, wie im 13. Jahrhundert in einer Ruine zu schlafen, aber kann nicht auch das durch die richtige ästhetische Verpackung mir das Gefühl geben, dass ich denke, ‚ok, diese Hose ist komisch, und diese Nase wird auch nicht besser, aber trotzdem ist da was, und es ändert sich gerade…‘?

Ich hoffe es. Einer meiner Lieblingsmomente im Stück, ein Moment, um den wir lange gekämpft haben, ist so. Ich will den jetzt nicht so aufblasen, vielleicht wird der Moment dann total kacke für dich.

Wir hatten es ja von dem perfekten Moment, dass man ein Gefühl zu den Wörtern hat und das Gefühl dieses Wort bestätigt, egal wie klischeebeladen es scheint.

Ich frage mich eher, warum das so ist, dass wir uns sehnen nach den perfekten Momenten. Warum sind wir so erlebnishungrig, warum ist es legitim? Ich finde das gut, ich funktioniere selbst nur so, ich bin ein wahnsinniger Genussmensch. Ich würde sagen, ich bin der perfekte Münchner! Der in der Überhöhung des Konsums vielleicht genau das kritisiert, was das Klischee davon ist.

Hast du schon einmal jemanden getroffen, bei dem du spontan dachtest, das ist der perfekte Mensch?

Passiert das nicht andauernd? Da sind wir wieder bei dem Leitthema: Man sieht jemanden auf der Straße, der attraktiv ist und der einem tausendmal interessanter vorkommt als man selbst, der viel ausgeglichener ist, ein viel interessanteres Sexleben hat und der aus diesen Gründen auch viel intelligenter sein muss. Darüber nachzudenken, ist ja ein Luxusproblem der westlichen Welt. In dieser Oase, in der man sich hier befindet, ist man ständig damit konfrontiert, perfekte Menschen zu treffen, einfach nur über Projektion. Diese Projektionen haben immer mit dem Idealbild zu tun, das man von sich selbst hat, das man aber gar nicht selbst formen könnte, sondern das von vielen äußerlichen Faktoren bestimmt wird, durch die Medien, durch Eltern, Großeltern, Freunde… Ich frage mich zum Beispiel: Was hat mich dazu gebracht, diese und jene Musik zu hören? Eine Frage auch des Stücks: Bin ich musikalisch heimatlos? Im Moment hört man, wenn man mit dem Mainstream denkt, Elektro, das ist der common sense, auf den sich im Club alle einigen können…

Die Suche nach dem perfekten Menschen wäre also eine Zivilisationskrankheit? Aber wäre die Suche nach dem perfekten Moment nicht doch ein universelles Phänomen?

Klar, mal zufrieden zu sein, Ruhe zu haben, das ist vielleicht auch der perfekte Moment. Wenn man mal durchatmet, nicht gestresst ist, wenn man abschalten kann. Andy hat zum Beispiel bei einer Probe gesagt, dass sie getanzt und getanzt haben und er plötzlich erschrocken ist, weil er nicht gemerkt hat, dass Publikum reingekommen ist. Und das hab ich ihm angesehen: dass er völlig bei sich war. Und an dieses Gefühl, das ich vielleicht nicht beschreiben und nicht vergleichen kann, glaube ich fest.

Wenn der perfekte Moment der ist, in dem man bei sich ist, wie kommt es dann, dass der perfekte Moment ganz oft von anderen Menschen abhängig ist?

Weil wir alle Herdentiere sind, wir sind hier, weil wir uns entschieden haben, in der Großstadt zu leben und nicht auf dem Land, wo ich mein Gemüse selber anbaue, wir sind ja total abhängig von der Gemeinschaft. Wenn ich das mit jemandem diskutieren würde, der seit 20 Jahren in der Antarktis lebt…

und der sein Gemüse selber anbaut…

der dort in der Antarktis seinen Spargel und seinen Rhabarber selber anbaut, dann ist das definitiv was anderes! Aber genau, wir sind nun mal Tiere in der Stadt. Das Theater ist auch noch im Zentrum der Stadt, wo alles zusammen kommt. Alle sagen, durch das Internet sind wir nur noch mit uns selbst beschäftigt, und dann schaut man sich an, wie die Leute sich trotzdem treffen: Das ist ja nicht nur hormongesteuert, sondern ich sehe, dass da tagtäglich perfekte Momente passieren.

Bringt es einem überhaupt etwas, sich des perfekten Moments bewusst zu werden, hilft mir das oder reicht es, das erlebt zu haben?

Wenn man sich bewusst wird, dann ist das ja schon nicht mehr der perfekte Moment, und wenn man ihn dann reproduzieren will, ist das eigentlich schon wieder die Suche nach dem nächsten. Insofern ist der perfekte Moment, die Vollendung, wenn wir ehrlich sind, nur möglich im Tod. Oder vielleicht noch in der Geburt. Vielleicht ist wirklich der Selbstmord der perfekteste Moment, den es gibt.

Gibt es eine Frage, die du allen, denen du begegnest, stellen würdest?

So wie du jeden fragst, was seine Lieblingseissorte ist? Nein. Es ist eher so, dass ich jemand bin, der wahnsinnig gerne teilt, Anteil haben lässt an den Dingen, und das ist von Person zu Person unterschiedlich. Aber Fragen ist generell etwas, was ich extrem schwierig finde.

Danke für das Gespräch.

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