Zwei Rezensionen zu Tod-krank.doc

Happy_HalloweenBlutkuchen und Tintenfische

Schlingensiefs weinende, verzerrte Stimme von Band, schaurige Klänge und vor allem Nebel. Sehr viel Nebel. Das sind die ersten Eindrücke, betritt man den Zuschauerraum, um sich das neue Stück Todkrank.doc von Elfriede Jelinek am Theater Bremen anzusehen. Sofort befindet man sich in einer schaurigen Zwischenwelt, welche man in den kommenden Stunden nicht mehr verlassen wird.

Jelinek schrieb das Stück für Christoph Schlingensiefs ReadyMadeOper „Mea Culpa“, welche sich autobiografisch mit seiner Krebserkrankung auseinandersetzt. Dieser verwendete dafür jedoch nur einen kleinen Ausschnitt des ursprünglichen Textes. Bisher gab Jelinek nur den Teil „Der Bus“ für Karin Beier am Schauspiel Köln zur Inszenierung frei. Zum ersten Mal kann man nun das gesamte Stück auf einer Bühne sehen. Zu eng verband Jelinek die Texte wohl noch mit ihrem Freund Christoph Schlingensief, dem Todkrank.doc auch gewidmet ist.

Aus dem schummrigen Hintergrund treten zombieähnliche Gestalten, Innereien und Gedärme schlingen sich um ihr mageren Körper. Sie leiten den ersten Teil der Stückes ein, der sich mit der Krebserkrankung Schlingensiefs beschäftigt. Immer wieder ist von dem Blutkuchen die Rede, der zwischen ihren Fingern hervorquillt, während sie ihre Verzweiflung, ihre Schutz- und Hoffnungslosigkeit in Anbetracht des kommenden, unausweichlichen Todes schildern. Im Verlauf des weiteren Stückes sollen sie als Engel über dem weiteren Geschehen schweben, immer wieder die Rollen wechseln oder als Beobachter in Glaskästen über dem Bühnenboden verweilen. Im zweiten Teil bekommen die Gestalten der Zwischenwelt Besuch von irdischen Wesen. Bauarbeiter im Blaumann kennzeichnen den Übergang zu dem nächsten Themenkomplex, mit dem Jelinek sich in ihrem fragmentarisch angeordneten Text beschäftigt. „Der Bus“ behandelt das Münchner Busunglück von 1994, bei dem ein Linienbus in ein riesiges Loch mitten in der Straße hineinfiel. Drei Menschen starben. Der Bauarbeiter auf der Bühne quält sich mit der Schuldfrage, windet sich. Übergangslos springt Jelinek zu dem Fall Fritzl. Fast körperliche Schmerzen muss der Zuschauer aushalten, wenn die Schauspieler in einer schier Endlosschleife über diesen reden, der seine Tochterfrau/Frautochter gefickt gefickt gefickt hat. Jelinek behandelt in ihrem Stück die großen, unausweichlichen und nicht vorhersehbare Katastrophen. Dies ist der Kleber, der die so verschiedenen Themen zusammenhält. Die Grundästheik des Abends ist im Allgemeinen geprägt von einer düsteren Grabesstimmung mit Einschlägen eines Splattermovies. Es werden Blut und Gedärme verspritzt, gebissen, gekratzt, gelitten, getötet.

Eindrücklichkeit kann man der Inszenierung nicht absprechen. Auf symbolischer Ebene ist diese wohl genauso reichhaltig wie der Text. Aber es ist alles ein bisschen viel. Zwischenzeitlich weiß man nicht, wohin man sehen soll, da so viel zeitgleich auf der Bühne passiert. Eine der Schauspielerinnen befingert sich mit einem Tintenfisch zwischen den Zähnen selbst, in Glaskästen hoch über dem Bühnenboden agieren geisterhafte Gestalten miteinander, auf einem Bildschirm am vorderen Bühnenrand laufen Comicanimationen, immense Gummibäuche werden aufgepumpt und nach einer gefühlten Ewigkeit erst zum Bersten gebracht, 15 verschiedene Musikgenres werden an diesem Abend auf der Bühne gespielt und Nebel, immer und überall Nebel und gleißendes Licht, das oftmals minutenlange in den Zuschauerraum gehalten wird, um das Publikum zu blenden, bis dieses nur noch weiße Punkt sieht. Und über all diesem Geschehen vergisst man doch oftmals auf den Text zu hören. Häufig verliert man den Faden, was bei einem Jelinektext zwar nicht insofern nicht problematisch ist, da diese eh nie linear sind. Es fällt nicht schwer immer wieder in die assoziativen Wortgeflechte einzusteigen, jedoch wird man das Gefühl nicht los, doch etwas wichtiges verpasst zu haben.

Man merkt der Inszenierung an, dass der Regisseur Mirko Borscht vom Film kommt. Zu mächtig, zu laut, zu üppig wirkt manchmal einfach alles. Was nicht heißen soll, dass Borschts bildgewaltiger Inszenierungsstil nicht eine interessante Ästhetik hätte. Jedoch entsteht zwischen Text und Inszenierung keine Symbiose, sondern vielmehr eine Konkurrenz. Die Inszenierung leistet sich einen Wettlauf mit dem Text. Wer diesen Wettlauf gewinnt, bleibt dem Urteil des Publikums überlassen.

Einen Textausschnitt des Stückes Todkrank.doc findet man auf der Internetpräsenz von Elfriede Jelinek: http://www.elfriedejelinek.com

Trailer: http://theaterbremen.de/de_DE/spielplan/tod-krank-doc-ua.951853#videos

Theresa Mattusch

Bild

tod-krank.doc

Was passiert mit Menschen in jenen Situationen, in denen sie sich am Abgrund befinden, in denen sie auf die Probe gestellt werden, in denen der Tod und die Verzweiflung allgegenwärtig sind?

Mit dieser Frage beschäftigt sich tod-krank.doc unter anderem.

Der Text ist gewissermaßen ein Gemeinschaftsprojekt des 2010 an Lungenkrebs verstorbenen Christoph Schlingensief und seiner Freundin und künstlerischen Wegbegleiterin Elfriede Jelinek, das jetzt erstmals am Theater Bremen aufgeführt wird.

Die Frage nach der Handlung kann hier nicht klar beantwortet werden, da es keine im klassischen Sinn gibt.

Eine Krebserkrankung, und der darauf folgende psychische und physische Kampf gegen etwas, was im eigenen Körper wächst. Was wird aus mir, was wird aus meinem Fleisch?

Ein Busunglück, mit Toten und Verletzten, und die daraus resultierenden Fragen nach der Schuld, nach einem Verantwortlichen.

Und, sich orientierend am Fall des Josef Fritzl, der seine Tochter über zwei Jahrzehnte lang im Keller einsperrte, die Betrachtung eines Inzestfalls. Was geht in jemandem vor, der Kinder mit seiner eigenen Tochter zeugt, welcher Mensch ist zu einer solchen Grausamkeit fähig?

Beantwortet werden können diese Fragen natürlich nicht, und das werden sie auch nicht.

Stattdessen bekommt der Zuschauer ein teilweise schon überladenes Bühnenbild, es fällt schwer, sich zweieinhalb Stunden pausenlos auf all das, was visuell und akustisch geboten wird, zu konzentrieren. Von gläsernen Käfigen über reinweiße Engelsflügel über eine fahrbare Hebebühne, einen Tintenfisch und viel Blut bis hin zu der unterschiedlichsten Musik wie verstörend lauter Metalmusik oder scheinbar völlig unpassenden Schlagermelodien prasseln viele Motive auf uns ein, und oft genug scheint man vor der Entscheidung zu stehen, auf welchen Teil der Bühne man sich am besten konzentriert. Der Text allerdings ist von solcher Stärke und so beeindruckend, dass viele der (sich auch wiederholenden) Textfragmente und Motive noch lange im Kopf bleiben. Was bleibt, sind Bilder, die verstören, die zum Nachdenken anregen. Und genau das ist die Stärke von „tod-krank.doc“ – beeindruckende Motive, die sich einprägen, die dafür sorgen, dass man auch noch Tage nach Besuch des Stücks viel darüber nachgrübelt.

Anna Knorr

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