Erster TheaterKlatsch zum Thema Theatervorurteile

Am Donnerstag, den 27. Februar, luden die TheaterVerstärker erstmals zu ihrer Veranstaltung TheaterKlatsch ins 2012 ein, die nun an jedem letzten Donnerstag im Monat stattfinden wird. Darin sprechen wir mit unseren eingeladenen Gästen und allen Interessierten bei Kaffee und Kuchen über ein bestimmtes Thema.

Diesmal war die Dramaturgin Anna Seitz zu Gast, die für den Blog die Kolumne „Theatervorurteil des Monats“ schreibt.Passend dazu tauschten wir uns über eigene und allgemein verbreitete Theatervorurteile aus.

„Die meisten Menschen kommen in Kontakt mit Theatervorurteilen, aber die wenigsten mit dem Theater“, brachte Anna Seitz die Relevanz dieses Themas gleich zu Beginn auf den Punkt. Es gibt viele implizite Vorurteile, die sehr weit verbreitet sind und gar nicht mehr als solche wahrgenommen und hinterfragt werden.

Auf Zetteln notierten wir jeder ein Vorurteil, über das wir gerne sprechen wollten. Die überwältigende Mehrheit der Vorschläge drehte sich um eine scheinbare hermetische Abgeschlossenheit und Abgehobenheit des Theaters, das eine eigene Welt bildet, an der nur die Künstler und das Bildungsbürgertum Anteil haben. Dass diese Vorurteile von Theaterbegeisterten und –interessierten formuliert wurden, ist besonders bemerkenswert.

Ein weiteres Vorurteil, das Anna Seitz auch gleich in ihrer ersten Kolumne behandelt hatte, dreht sich um den Anspruch, Theater verstehen und die Intention des Regisseurs dekodieren  zu müssen. Diese Forderung an sich selbst stellt man zum Beispiel bei Kinofilmen viel seltener, wo man oft im Nachhinein darüber diskutiert, welche Szenen besonders gut gemacht waren oder ob die Musik gelungen war, wohingegen nach einem Theaterbesuch schnell mit dem Interpretieren begonnen wird.

Kino oder (Pop-)Musik sind Massenmedien, sie werden viel stärker zur Unterhaltung konsumiert, ohne dass man sich gezwungen fühlt, etwas zu verstehen. Bietet das Gegenwartstheater also zu wenig sinnliche Reize und ist nur rational erfassbar? Dabei ist doch gerade dort eine sehr große Unmittelbarkeit gegeben, Produzenten, Rezipienten und Werk stehen in einem direkten Kreislauf und sind nicht wie bei Film, Kunst oder Literatur voneinander getrennt. Ins Theater gehen viele Zuschauer, die sich vorher mit Schauspielführer oder Internet informiert haben und vor der Vorstellung noch in der Einführung sitzen, um ihr Hintergrundwissen zu maximieren. Natürlich nutzen sie dieses dann, um sich vor allem intellektuell mit dem Gesehenen auseinanderzusetzen. Mindestens genauso bereichernd kann es aber sein, ohne jegliches Vorwissen in ein Stück zu gehen, sich mit allen Sinnen darauf einzulassen und die Frustration angesichts des „Nichtverstehens“ in der eigenen, vielleicht stärker emotional geprägten Auseinandersetzung produktiv umzuwandeln. Eine Idee hierfür wäre eine „Theater-Sneak“, bei der das Publikum sich von einer Inszenierung überraschen lässt.

 Das Ziel der Veranstaltung war es nicht, Theatervorurteile zu widerlegen. Das ist auch nicht – oder nur bedingt – geschehen. Aber vermutlich alle Teilnehmer hatten die Gelegenheit, ihre eigenen (vielleicht auch impliziten) Vorurteile mit denen anderer zu vergleichen, sie zu hinterfragen und sich zum Weiterdenken anregen zu lassen.

Der nächste TheaterKlatsch findet am 27. März zum Thema Theater und Migration statt – wieder um 17 Uhr und wieder im 2012.

Dunja Rühl
Foto: Neele Jacobi

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