Inselleben, osmotisch. Notizen zu Alexander Giesches „Lost“

 

Theaterverstaerker-1904

Das Schreiben als Akt der Vermittlung: ein Ich schreibt für ein anderes Ich, das zum Leser wird. Ich beschreibe den Baum vor meinem Fenster. Das bedeutet: ich nehme von außen wahr, was eine klare Sprache hat, die mir völlig fremd ist. Der Baum spricht, ich verstehe nicht, ich beschreibe. „Die Natur in ihren schönen Formen spricht figürlich zu uns, und die Auslegungsgabe ihrer Ziffernschrift ist uns im moralischen Gefühl verliehen.“ (Kant) Die Kunst jedoch ist schon ein Übersetztes, ein In-die-Sprache-Gehobenes; die Kluft ergibt sich erst durch den Wechsel des Mediums. Über Theater zu schreiben, kann immer nur ein Versuch sein: Erlebnisse aufzuklauben, zu bündeln und zu deuten. Das Theater weiß dies und verhüllt seine Magie. „Das Paradies ist ein ummauerter Ort“, heißt es in einem Gedicht der Galizierin Chus Pato. Es heißt dort aber auch weiter: „Man betritt ihn durch Osmose.“ Ich durchdringe die Membran zuerst mit den Augen; im nächsten Augenblick ist es schon fast, als stünde ich selbst auf der Bühne. Wer durch Osmose in die lebendige Zelle des Theaters eingedrungen ist, kann es nicht mehr verlassen.

Am Theater Bremen wurde Alexander Giesches neueste Anverwandlung „Lost“ aufgeführt, es ist sein zweites abendfüllendes Stück nach dem letztjährigen „Perfekten Menschen“. Ich lese wieder, was ich damals, vor ziemlich genau einem Jahr, darüber geschrieben habe: „Erst die Rahmung gibt den einzelnen gezeigten Handlungen die Möglichkeit, in ihrer bloßen Gestaltung sichtbar zu werden.“ Auch für „Lost“ gilt dieses Prinzip, zumindest für die Eingangssequenz, die unglaublich langwierig und zugleich kurzweilig ist: Aus einem fast leeren, gras- und turnhallengrünen Bühnenrund (Nadia Fistarol) wird ein überfülltes Mobile, das sich und die vier Spieler (die Schauspieler Karin Enzler und Justus Ritter, den Tänzer Andy Zondag, alle drei beim „Perfekten Menschen“ bereits dabei, sowie die Opernsängerin Nadine Lehner) in Bewegung setzt, eine Bewegung, die stoisch bleibt und doch immer wuseliger wird, je mehr passiert. Wir Zuschauer sitzen im Halbrund um diese Insel und schauen den auf der Bühne Gestrandeten beim Spielen zu; mehr als je zuvor bekräftigt Giesche auch den ludistischen Aspekt des Theaters: die Spielfreude wird nicht projiziert auf die Physis oder Psyche fiktiver Figuren, sondern in Reinform gezeigt: ludo, ergo sum.

Wieder ist es ein Spiel mit der Frage: Wieviel passiert, wenn scheinbar nichts passiert? Motive werden in Symbolen zumindest anteilig verkörpert, durch die Abstraktion (es fehlt zumeist die klare Benennung) werden sie aber neue Projektionsfläche für unser Auge. Die Lektion, die man bei Alexander Giesche lernen kann, besagt, daß noch die glatteste Oberfläche (ich möchte hier mein eigenes Blabla von unserer modernen Welt nicht wiederholen) zugleich als Sinnprisma dient; von diesem Paradox lebt sein Theater. Die Banalität weist auf das Bloße. Wir sehen eine Designwelt, in der Primitivismus und Purismus harmonisch koexistieren.

Der perfekte Mensch“ basierte auf einem Kurzfilm des Dänen Jørgen Leths, „Lost“ bezieht sich nun auf die gleichnamige amerikanische Fernsehserie von einer Gruppe von Menschen, die ein Flugzeugabsturz willkürlich auf einer Insel zusammenpfercht. Diese Fundstücke unserer Medienwelt, mehr oder weniger gut in unserem kollektiven Gedächtnis verankert (und wohl in erster Linie die Vorlieben des Regisseurs spiegelnd), entstammen dem Medium Film an seinen zwei Extremen: „Der perfekte Mensch“ war ein essayistischer Kurzfilm in puristischem Schwarzweiß, „Lost“ ist eine ausufernde Serie mit einer schier endlos mäandernden Erzählung. Sie werden von Giesche ins Theater geholt: das Prinzip der Anverwandlung anderer Medien ist der Herangehensweise an die Arbeit also von vornherein bereits eingeschrieben, und doch handelt es sich nicht um eine Adaption im herkömmlichen Sinne.

Was Giesche übernimmt, sind strukturelle Momente wie auch Details jenes und jedes möglichen Insellebens: das Lagerfeuer, die Melonen, das Tropische. Sonnencreme, Kakerlaken, kühles Naß; sie werden betont und deuten metonymisch auf ein denkbares Ganzes. Das Entscheidende jedoch ist die runde Grenze der Insel zum Meer, zu uns Zuschauern hin: hier wird die Insel emblematisch für das Theater als Labor.

Wie die Arbeit vom vorigen Jahr wird auch „Lost“ als „visual poem“ angekündigt, und allmählich freunde ich mich an mit diesem Notbegriff, weil „Lost“ noch deutlicher sein Selbstbewußtsein in dieser Form einer Art postdramatischen Lyrik findet, die auf erklärende Texte weitgehend verzichten kann. So gehören für mich die Textpassagen – seit dem „Perfekten Menschen“ noch reduziert – auch zu den schwächeren Momenten, denn einigen von ihnen entgleitet der ansonsten so souverän etablierte Tonfall des Abends; sie wirken lapidar, ihr Augenzwinkern bleischwer.

Letztes Jahr schrieb ich: „In der Abstraktion lauern viele Gefahren, hier gelingt jedoch, wenn alles zusammenkommt (wenn alle mit dabei sind), die Rückverwandlung der geglätteten Zeichen in Sinnlichkeit, in eigene Erfahrung.“ Jene Zeichen waren aber die Zeichen von Melancholie; der perfekte Mensch war herbstlich erkältet. Die Insulaner aus „Lost“ hingegen leben einen grellgrünen Frühling, der durch eine fast schmerzfreie Osmose betreten wird – angegrillt wird hier schon im Mai. Ich freue mich mit dem Regisseur über diese neu gefundene Stimmung.

(Was so schlicht und formalistisch begonnen hatte, mündet übrigens in ein großes Finale. In Worten kaum Faßbares geschieht sodann mit dem simpel begonnenen Spiel: ein Füllhorn wird ausgeschüttet über der Insel! Wir sehen: ein Kaleidoskop. Das Digitale, hell erleuchtet von der Liebe, bis es beinahe glüht. Der schöne Schein, der in uns – wenn wir wollen – echt wird. Theater, wie gesagt.)

Martin Mutschler

 

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