Himmelhoch Jauchzend und zu Tode betrübt: Pomp and Circumstance – Music for a Kingdom

Ein sehr skurriler Abend, den ich da am vergangenen Sonntag im Theater am Goetheplatz erleben durfte:

Royale Berichterstattung schon vor Beginn der Vorstellung – wann das Stück anfängt, wann Pause ist und wann es endet, ist schwer zu sagen, die Übergänge sind fließend und die Bühnenarbeiter tun so, als wäre gar kein Publikum anwesend. Und das obwohl sich dieses schon längst vom fröhlichen Trubel auf der Bühne hat anstecken lassen, und munter seine englischen Papier-Fähnchen schwenkt oder in rhythmische Klatschschwaden verfällt. Diese nachgestellte „Last Night of the Proms“ scheint das Bremer Publikum zu verzücken, der Herr im feinen Zwirn neben mir ist sichtlich angetan, weil jemand im inszenierten englischen Publikum auf der Bühne eine Bremer Flagge schwenkt. Er kommentiert das Stück für seine Frau, und ungefragt auch für mich, während der Kommentator auf der Bühne (Caspar Kaeser) in seiner Kabine selig lächelnd Annekdötchen aus dem englischen Königshaus zum Besten gibt. Dazwischen immer wieder Musikeinlagen von den Bremer Philharmonikern: Richard Rodgers „You’ll never walk alone“ (Gesungen von Christian-Andreas Engelhard), Henry Woods „Fantasia on British Sea Song’s“ oder Thomas Arnes „Rule, Britannia!“.transform (1)

Alles schön und gut, bis der Dirigent eine kleine Ansprache halten soll, was ihm aber nicht gelingen will und er beschämt, oder traurig, oder beides, die Bühne verlässt. Damit beginnt der Umschwung, immer mehr Musiker verlassen die Bühne, sodass im zweiten Teil nichts bleibt als der Kater nach der Feier.

Dieser zweite Teil ist um einiges schauspiellastiger und legt die Wunden des britischen Königshauses offen: Imageverlust, Geldprobleme, Liebeskummer (und –Trümmer). Musik gibt es ab jetzt nur noch im Duett und mit weniger Patriotismus von John Dowland und Benjamin Britten. Alle Geschwindigkeit aus der ersten Hälfte ist verschwunden und musste einer langsam in alle Glieder kriechenden Melancholie weichen. Die einzige, die das nicht zu berühren scheint, ist die Queen selbst, die unverändert unbeteiligt seit Minute Eins über den Dingen thront.

Am Ende gab es lauten Applaus für das Ensemble und genauso laute Buh-Rufe für das Regieteam um Christiane Pohle: der schnelle Umsturz und das mangelnde Mitklatsch-Feeling nach der Pause scheint das Bremer Publikum ernsthaft getroffen zu haben. Wüsste ich mittlerweile nicht, dass es hier scheinbar zum guten Ton gehört, jede Premiere im Musiktheater prinzipiell doof zu finden, wäre ich geschockt ob so leidenschaftlicher Ablehungsbekundungen gewesen. Ob man nun Freund dieser modernen, spartenübergreifendem Theaterform ist oder nicht, Gesprächsstoff bietet diese kuriose, detailorientierte Inszenierung allemal.

Laura Höfler

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