Die gewaltige Macht der Ohnmacht

Mit den Meistersingern von Nürnberg eröffnete Benedikt von Peter die Opernspielzeit am Bremer Theater. Damit hat er sich einer Aufgabe gestellt, die nicht ganz leicht war. Die einzige Komödie Wagners hat einen bitteren Beigeschmack. Nationalsozialistische Ideologien haften an ihr. Wie geht man an so eine Oper ran? Wo wird der Fokus gelegt? Wie wird sie interpretiert und analysiert? Regisseur von Peter setzt die Beziehung der Eva, Tochter des Meistersingers Veit Pogner, mit dem Schuster Hans Sachs in den Mittelpunkt. Als junge Frau gefangen in einer patriarchalen Gesellschaft, versucht Eva sich zu emanzipieren.

Zu Beginn jedes Akts liegt Eva auf einem kleinen Teil des vorgelagerten Bühnenbodens. Eingekauert klammert sie sich in ihrem grauen Kapuzenpulli um eine Bettdecke. Erika Roos als Eva mit zerzausten Haar und wehleidigem Ausdruck auf dem Gesicht wirkt wie eine verzweifelte, eingeschüchterte Person. Am liebsten möchte man auf die Bühne springen und ihr helfen, eingreifen, ihr den Ausweg zeigen, doch verharrt sie fast die gesamte Zeit auf dem vorgelagerten Quadrat der Bühne und beobachtet, wie über sie und ihre Zukunft bestimmt wird.

Nur durch eine verschiebbare Tür ist ihr Raum abgesperrt, welchen sie nur selten verlässt. Sie scheint von unsichtbaren Wänden gefangen: dem gesellschaftlichen Druck, dem Patriarchat, der Liebe. Immer wieder hockt sie vor einem Schemel. Mal dient er dem Schuster Sachs (Claudio Otelli), mal dem Kind. Ein Bilderbuch und eine kleine Ritterfigur lassen ihr Konstrukt einer kleinen perfekten Welt erahnen. Ein Paradies, welches sie sich mit ihrem Vormund Sachs erbaut hat und welches durch ihr zunehmendes Älterwerden zu zerbrechen droht. Ein ständig wiederkehrender Hase, die märchenhaften Kostüme der DarstellerInnen, sowie die roten, augenscheinlich viel zu kleinen Schuhe, bestätigen den Verdacht des kindlichen Traums. Nur sie und Sachs bleiben – schon allein optisch – in enger Beziehung zueinander und entweichen so dem märchenhaften Bild. In brauner ausgebeulter Cordhose und rosa Pullover zeigt Sachs sich modisch ebenbürtig zu Eva, welche in weißer Leggings, gepunkteten grünen Kleid und grauen zerfransten Pullover auftritt (Kostüme: Geraldine Arnold).
Immer wieder ertönt ein Schrei aus dem Off, tief aus der Seele geschrien. Ein verzweifelter Versuch der Emanzipation? Ein Ausdruck der Verzweiflung?

Meistersinger Foto.phpFoto: (c) Jörg Landsberg
Hinter dem quadratischen Vorbau der Bühne ragt ein gewaltiges dreistöckiges Konstrukt aus Metall, welches den Rest des Schauplatzes ausfüllt: ein Element, welches sich in die unterschiedlichen Spielorte verwandeln lässt (Bühne: Katrin Wittig). Auf der ersten Empore des Gerüsts finden die Bremer Philharmoniker unter Leitung von Markus Poschner Platz, wodurch die Musiker nicht nur optisch in den Mittelpunkt rücken.

Im ersten Akt steht Walther von Stolzing (Chris Lysack) als weißer Ritter erhaben auf der Empore und wirbt um Eva. Kontrastreicher kann das Bild nicht sein. Fast glorreich steht er dort und stellt Eva wiederholt die Frage, ob sie schon vergeben sei. Als er erfährt, dass der Gewinner des Meistersinger-Wettbewerbs sie zur Braut nehmen kann, beschließt er ein solcher zu werden. Von David, dem Lehrling des Schusters und Meistersingers Hans Sachs, lässt er sich unterrichten. Hyojong Kim gibt den David in seinem clownsartigen Kostüm so eine Präsenz und Witz auf der Bühne, dass die Bezeichnung Komödie im herkünftlichen Sinne für eine Weile ganz und gar wahr wird. Zusammen mit Ulrike Mayer als Magdalene, Evas Amme, inszenieren die beiden eine lebhafte Show und stellen das Beziehungskonstrukt „junge Frau – alter Mann“ auf den Kopf, konträr zu Sachs und Eva.

Der zweite Akt beginnt wie der erste. Eva liegt eingekauert in ihrer Bettdecke auf der Bühne. Sie versucht mit Stolzing aus Nürnberg zu fliehen. Sie bittet ihre Amme Magdalene sich als Eva auszugeben und aus ihrem Fenster zu schauen, während Beckmesser (Chistian-Andreas Engelhardt) ihr ein Ständchen singt. Sachs verhindert die Flucht, indem er beim Schustern höllischen Radau macht. David wird durch den Lärm wach und erkennt seine „Lene“ am Fenster. Aus Eifersucht prügelt er auf Beckmesser ein, worauf das ganze Dorf aufwacht. Die Prügelfuge am Ende des zweiten Aktes endet in einer großen Kissenschlacht – passend zum Element Kinderzimmer – in teils verspielt gepunkteten Kissenbezügen.

Der letzte Akt nimmt Sachs und seine Qual, sich von Eva lösen zu müssen, in den Fokus. Nicht der Ritter wird gehuldigt, sondern der alte Mann. Sein Zerbrechen an der Ohnmacht, welcher er hilflos gegenübersteht, wird dabei schmerzlich offenkundig. Er schweift in Erinnerung, betrachtet verträumt das Bilderbuch und die Ritterstatue. Betrübt von dem Gedanken, dass sein „Evchen“ heiraten wird und seine Utopie am Boden liegt.

Perfekt scheint der Moment, indem Stolzing zu ihm tritt und von seinem Traum erzählt. Zusammen entwickeln sie das Lied, welches der Ritter beim Wettbewerb um Eva singen wird. Verträumt und begierig schaut Sachs drein, während Stolzing ihm seine Verse vorsingt. Im Lied vereint Sachs die Kunst der Meistersinger und seine persönliche Intention, Eva nicht zu verlieren. Er lässt Eva zur „Muse von Parnass“ werden, als Göttin der Künste, wie es die griechische Mythologie besagt. Sie ist nur noch Objekt kreativen Schaffens. Als Muse gefährdet sie Sachsens Ego nicht. Inspiriert durch sie und in Vereinigung mit der Meistersingerkunst dient Stolzing nur als Übermittler von Sachens Meisterwerks. In grauer Jogginghose, dem ergänzendem Stück zum grauen Pullover Evas, wird er bildlich sowohl zum Teil Evas als auch Sachsens Welt gemacht.

Sachs versucht Eva mit aller Gewalt in ihre Kindheitsschuhe zu stecken. Als es ihm nicht gelingt, hilft er mit Gewalt nach und bindet sie ihr fest. Von Peter lässt Eva als Opfer männlicher Gewalt erscheinen. Ohne jeglichen Widerwillen ergibt sie sich der männlich dominierten Welt. In Liebe zu ihrem Vormund schweigt sie und lässt alles über sich ergehen. Im gesamten Werk hat sie kaum ein eigenes musikalisches Motiv. Nichtsdestotrotz lässt der Regisseur sie jedoch durchgehend auf der Bühne verharren, wodurch er der Empörung darüber Ausdruck verleiht, dass sie lediglich als „Freiungs-Preis“ gehandelt wird. Es geht ausschließlich um männliche Begierde. Zum Schluss verkündet Eva überraschend die Passage, die im Original Wagners der Gewinner des Wettbewerbs singt „Will ohne Meister selig sein“. Hiermit emanzipiert sie sich von Sachs.

Die letzte Szene lässt der eigenen Interpretation freien Lauf. Sachs tritt ab und eine kleine Eva bleibt zurück, eingesperrt von dem Schuster in ihrer beider Märchenwelt. Sie trägt ihre roten Kinderschuhe.

Benedikt von Peter spickt die Oper Wagners mit vielen Bildern und Metaphern. Seine Herangehensweise und Interpretation des Werks lässt einen über die Angst der Ohnmacht reflektieren. Durch die Darstellung der Begierde nach einer Person, die in einer Vernarrtheit endet und rein das egoistische Besitzergreifende ausdrückt, lässt Wagner das Stück gesellschaftskritisch stehen.

Das gefiel auch dem Bremer Publikum. Tösenden Applaus gab es für die MusikerInnen und DarstellerInnen. Von Peter wurde sowohl mit großem Jubel gefeiert, als auch mit Buh-Rufen bedacht. Somit hatte es fast den Anschein, als ob sich die Komödie im Publikum abspielte.

Sonja Gerling

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