»Die Meistersinger von Nürnberg« – ein Gastbeitrag von Max Koch

Theater Bremen am 21.09.2014
Regie: Benedikt von Peter
Musikalische Leitung: Markus Poschner
Bühne: Katrin Wittig
Kostüme: Geraldine Arnold

»Verachtet mir die Meister nicht und ehrt mir ihre Kunst« verkündet Hans Sachs am Ende der Festwiese, vollkommen zentriert auf der menschenleeren Bühne. Doch Regisseur Benedikt von Peter öffnet mit dieser Schlussansprache eine neue Dimension der Sicht auf Richard Wagners einzige komische Oper aus dem Jahr 1868. Denn in dieser Inszenierung steht nicht nur der Kunstkonflikt und das in zwei Lager geteilte Nürnberg im Zentrum, sondern die Beziehung zwischen dem gewalttätigen Hans Sachs und der bei ihm eingesperrten Eva, der Tochter Veit Pogners. Man erinnert sich nur zu gut an Fälle wie den der Natascha Kampusch. Schon während dem Vorspiel zum ersten Akt sieht man Eva allein, zusammengekauert, auf einem Plateau über dem Orchestergraben liegen. Ein Kinderzimmer samt Leselampe, Decke, Märchenbuch und Ritterfigur ist zu erahnen. Doch sie kann nicht flüchten, sie ist eingesperrt von ihrem Peiniger Sachs (beeindruckende Leistung: Claudio Otelli) – was ihr bleibt, ist der Traum. So entflieht sie in ferne Märchenwelten und wünscht sich einen Ritter herbei, um sie aus ihrer Gefangenschaft zu befreien. Sachs wird zwar als ihr Peiniger dargestellt, doch steht er stellvertretend für das Trauma, das eine Frau mit diesem Schicksal erleiden muss, denn nicht nur einmal gehen die anderen Meister als Traumfiguren wie Tiere auf Eva los, bereit ihre Lust zu stillen und sie sich zu nehmen. Doch es gibt eine vermeintliche Rettung: Der Ritter Walther von Stolzing wird instrumentalisiert und fungiert als Retter Evas aus der Qual. Und Sachs lässt sie sogar am Ende gehen – sie ist frei. Leider trügt der Schein: Denn während der letzten Takte wird wieder ein kleines Mädchen eingeschlossen. Es scheint, als würde alles wieder von vorne beginnen. Der triebgesteuerte Täter kann sich nicht von seinen Fantasien lösen, vom Wahn, wie ihn Sachs selbst in seiner Stube benennt. Doch immer wieder kann man dezente Anzeichen der Reue bemerken. Sicher ist aber dennoch, dass die Gefangene Eva ihr Schicksal nie vergessen wird und das Bild des Täters wohl für immer in ihrem Kopf vorhanden bleibt.

Benedikt von Peter gelingen zwar einige starke Bilder, besonders der dritte Akt und die Prügelfuge werden lange im Gedächtnis bleiben, doch stiften die beiden Welten leider allzu oft Verwirrung. Wann befindet sich wer in welcher Welt? Und warum interagieren Sachs und Eva manchmal mit Figuren aus der Traumwelt und manchmal nicht, obwohl sie sich auf der gleichen Spielebene befinden? Und wie ist in diesem Konzept letztlich das Ende, also die Befreiung Evas durch eine Traumfigur, zu deuten? Ist es nur ihr Wunsch, der aber doch nie in Erfüllung gehen wird? Viele Fragen bleiben offen, womöglich müsste man die Bremer Meistersinger noch einmal sehen, um das durchaus interessante Konzept wirklich durchdringen zu können. Nach dem ersten Eindruck allerdings fehlt es leider oft an Konsequenz und szenischer Klarheit. Diese Klarheit gibt es aber dafür umso mehr bei der Bühnengestaltung. Dem wie schon erwähnten Plateau schließt sich ein das Portal einschließendes Gerüst an, in welchem sich die Häuser der Meister befinden. Dahinter erst spielen die Bremer Philharmoniker unter der musikalischen Leitung von Generalmusikdirektor Markus Poschner.

Poschner musste vertrauen, vertrauen darauf, dass der Klang irgendwie ausbalanciert beim Publikum ankommt. Doch oft spielt das Orchester sehr laut und mächtig, was dazu führt, dass man die sehr angestrengten Sänger teilweise kaum noch versteht. Und auch das genaue Gegenteil trifft ein: In den großen Chorszenen im zweiten und dritten Akt werden die Philharmoniker von den Klangmassen der Chöre und Solisten übertönt, was besonders bei der Prügelfuge zum Auseinanderfallen der Stimmen führte. Hier hätte man überlegen sollen, ob man für das doch sehr große Orchester nicht einen anderen Platz hätte finden können. In Bremen ist man in dieser Hinsicht doch immer sehr kreativ. Dennoch gebührt Herrn Poschner ein großes Lob, sich überhaupt auf diese sehr außergewöhnliche Situation einzulassen.

Es ist durchaus interessant, der ganzen Kunstdiskussion noch eine sehr private und intime Ebene hinzuzufügen, doch muss man sagen, dass dieser Regiegriff nicht immer funktioniert. In diesem doch sehr makabren Nürnberg erzeugt die zusätzliche Traumebene mehr Verwirrung als Klarheit und erzählt leider auch nicht viel Neues. Ohne diesen Rahmen hätte von Peter sein Konzept womöglich stringenter erzählen können. Nichts desto trotz sollte man sich diese Produktion nicht entgehen lassen. Dem Theater Bremen und nicht zuletzt der wirklich guten Sängerriege gebührt viel Lob für diesen Kraftakt. Auf ein Neues!

Max Koch studiert Musiktheaterregie an der HfMT Hamburg.

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