Zigaretten und Milch in Zeiten des Krieges

Eine junge Frau steht einsam in der Mitte der Bühne. Beziehungsweise dort, wo früher im Krieg ein vermientes Feld war und sich noch immer eine brachliegende Grenzzone befindet. So beginnt Konradin Kunzes Inszenierung von Abzählen, dem preisgekrönten Roman der georgischen Autorin Tamta Melaschwili (Georgischer Literaturpreis Saba 2011 und Deutscher Jugendliteraturpreis 2013). Rückblickend werden drei Tage im Leben der 13-jährigen Freundinnen Ninzo (Meret Mundwiler) und Zknapi (Marina Lubrich) erzählt, die sich in Zeiten des Krieges in einer zerrütteten Welt zurechtfinden müssen. Die Väter sind in die Armee berufen worden und zurück bleiben die Alten, Schwachen und Kranken; die Frauen und Kinder. Abseits der Front herrschen Lebensmittel- und Materialknappheit und die heranwachsenden Mädchen müssen lernen, Verantwortung für ihre Familien zu übernehmen und mit den Unsicherheiten der Pubertät alleine zurechtkommen. Während Ninzo (Meret Mundwiler) ihre sexuellen Reize erprobt und sich Zigaretten von den Grenzsoldaten erschnorrt, sorgt sich Zknapi vor allem um ihre Mutter und ihren kleinen Bruder, der zu verhungern droht.

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Meret Mundwiler und Marina Lubrich als Ninzo und Zknapi in Abzählen. Foto: Jörg Landsberg

Auf der Bühne im Kleinen Haus spiegeln sich bei der Premiere die Wirren des Krieges deutlich auf der Bühne wider. Unablässig regnen Kleider, Büschel von Spitzwegerich und Milch vom Schnürboden herunter, bis der Boden bedeckt ist und auf der Bühne ein bedrückendes Durcheinander herrscht durch das sich die Darsteller ihre Wege bahnen müssen (Bühne und Kostüm: Léa Dietrich). Stroboskoplicht und Musikfetzen (Musik: Jan Beyer) zerschneiden die Handlung in unregelmäßigen Abständen wie das Donnern der Gewehrsalven an der Nahen Front. Meret Mundwiler und Marina Lubrich fühlen sich wunderbar in die Geschichte und Gefühlswelt der jungen Mädchen ein. Susanne Schrader überzeugt als Zknapis kummervoll apathisch umherschleichende Mutter. Das von Tomas Bünger einstudierte choreographische Konzept wirkt an einigen Stellen aufgesetzt, unterstreicht jedoch größtenteils effektvoll die Selbstverlorenheit der Figuren in ihren eigenen Ängsten und Sorgen, indem er sie in tranceartigen Schrittfolgen über die Bühne schreiten lässt.

Konradin Kunze inszeniert am Jungen Theater mit Abzählen ein zeit- und ortloses Stück über Freundschaft und die Auswirkungen des Krieges auf die Zivilbevölkerung und erntet bei der Premiere kräftigen Applaus.

Simone Ehlen

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