„Vom Suchen und Scheitern einer großen Liebe“ – Uraufführung Anna Karenina am Theater Bremen

Erstaunlich viele Menschen sitzen heute Abend in dem Einführungsvortrag und lauschen den Worten und Erklärungen des Leitenden Dramaturgen des Musiktheaters, Ingo Gerlach, zur Uraufführung „Anna Karenina“. Sie alle werden auf den eigenartigen und außergewöhnlichen Abend eingestimmt.

Denn wer „Anna Karenina“ hört, denkt an einen dicken Schinken von Buch mit 1200 eng bedruckten Seiten von Leo Tolstoi mit einer enorm komplexen Handlung. 2008 schrieb der Regisseur Armin Petras eine wesentlich kürzere Schauspielversion für das Maxim Gorki Theater in Berlin, die lediglich 80 Seiten umfasste. Mit der Verwandlung von Petras-Libretto in eine Opern-Partitur durch die Komponisten Thomas Kürstner und Sebastian Vogel verkürzte sich der Text um weitere 50 Seiten, jedoch um eine Ebene erweitert: die musikalische Ebene. Ebenso unterschiedlich wie die Emotionen, Sehnsüchte und Lebensentwürfe der drei Paare auf der Bühne sind, genauso unterschiedlich sind die Musikstile, die die beiden Komponisten in einem komplexen Klangteppich miteinander verbinden. So erklingen Zitate von Bach und der elektronischen Popmusik, sowie Elemente aus der Minimal-Musik, der Operette, dem Oratorium und dem Musical. Zudem haben die beiden Komponisten Klänge und Geräusche aus Bremen aufgenommen, wie beispielsweise das für alle Bremer bekannte und immer wiederkehrende Geräusch des Regens. Drei Atmosphären haben die Komponisten für diese Oper geschaffen, in der sich nicht nur die drei Paare (Anna/Karenin/Wronski, Lewin/Kitty/Wronski und Dascha/Stefan) widerspiegeln sondern auch die Gefühle von Liebe, Eifersucht und Rache.

Die Bühne wird durch eine Holzwand auf Streben dominiert, auf die einerseits schwarz-weiße Bilder projiziert werden, die einen assoziativen Charakter aufweisen und die drei Atmosphären untermauern: Meereswellen stehen für die schwankenden Leidenschaften, sich im Wind bewegende Bäume als Zeichen der Melancholie und Bilder aus Bremen, die der Liebe einen gesellschaftlichen Zusammenhang bieten. Andererseits agieren die Sänger auch hinter dieser Holzwand, weswegen bei bestimmten Interaktionen das Bühnengeschehen wie eine Art schwarz-weiß Stummfilm mit einer Live-Kamera auf die Wand übertragen wird. So kann der Zuschauer auch die an sich durch die Holzwand und Streben halb- verdeckte Handlung verfolgen. Eine in sich sehr stimmige Vorgehensweise (Bühne: Susanne Schuboth und Video: Rebecca Riedel).

Immer wieder tritt der Chor (Einstudierung: Daniel Mayr) als bunt gemischter Haufen von Hausfrauen, Bauern und Arbeitern auf. Aufgrund seiner Funktion als epischer Erzähler und Kommentator wirkt der Chor einfallslos gestellt und nimmt nur selten am Bühnengeschehen teil. Erweitert wird der Opernchor im Laufe des Abends durch einen Kinderchor (Kinderchorleitung: Jinie Ka). Leider war die musikalische Qualität der Bremer Philharmoniker, die unter der Leitung von Clemens Heil spielten, an diesem Abend schwach und vor allem an solistisch offenen Stellen war die Qualität nicht den Erwartungen entsprechend.

Besondere Anerkennung hingegen verdient die Frau, die für den Traum vom ganz großen Glück ihren Mann und ihr Kind aufgibt: Anna Karenina. Am Ende dieses Opernabends steht Anna Karenina alleine auf der kargen Bühne, gezeichnet von ihrem Leidensweg und singt eine große Gefühlsarie. Insbesondere in dieser letzten großen Arie arbeitet die (hochschwangere) Sopranistin Nadine Lehner beeindruckend mit ihrer Stimme und vermittelt dem Publikum ihre aussichtslose Situation – bis zum bitteren, abrupten Ende. Das Scheitern ihrer eigenen Liebe fasst sie zusammen mit „Ich glaube, ich werde wahnsinnig“. Ihr stehen Hubert Wild als Wronksi, Christoph Heinrich als Lewin und Patrick Zielke als Karenin mit ihren brillant tiefen (Bass-) Baritonstimmen zur Seite. Weniger überzeugend sind die Figuren der Kitty (Nerita Pokvytite) und Dascha (Nathalie Mittelbach) – stimmlich, sowie schauspielerisch. Doch nicht nur SängerInnen stehen auf der Bühne, sondern auch der Schauspieler Martin Baum, der den Stefan verkörpert und versucht das Publikum in seinem Monolog vor der Macht der Gier zu warnen. Ein gelungener Ansatz eines genreübergreifenden Werks durch den Regisseur Armin Petras.

Tara Hansen

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Ein Gedanke zu “„Vom Suchen und Scheitern einer großen Liebe“ – Uraufführung Anna Karenina am Theater Bremen

  1. Liebe Tara,
    Keine Angst vor dicken Büchern! Ich habe kurz hintereinander sowohl Anna Karenina als auch Der Idiot gelesen – absolut keine “Schinken“, sondern immer noch spannende Lektüre! Die Kenntnis beider Romane hat meinen Genuss bei den beiden Produktionen am Theater Bremen noch mal deutlich erhöht…
    Liebe Grüße
    Rainer

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