Am Material verbrannt: „Verbrennungen“

Wie politisch darf und soll Theater sein?
In der momentanen Situation sollte sich jedes Theater und jede Inszenierung diese Frage stellen: Sind wir teil des Diskurses oder nicht? Sprechen wir mit, teilen wir unser Wissen oder lehnen wir uns zurück und überlassen solche Themen der Realität?

v2Wajdi Mouawads Drama „Verbrennungen“ [Originaltitel: „Incendies“] ist heute
brisanter denn je. Vor dem Hintergrund der Terroranschläge in Paris, in der
Türkei und dem allgemeinen Terror des IS, dessen Ausmaß für unsere
eurozentrische Gesellschaft unsere schlimmsten Albträume übersteigt, ist dieser
Text an poetischer Brutalität kaum zu übertreffen. Wovon handelt
„Verbrennungen“? Das ist wohl die schwierigste Frage – die nach dem
Realitätsbezug, der gezogen werden muss, obwohl sich der Autor mehrfach
davon distanzierte. Es geht um Tragödien, die tagtäglich stattfinden – Gewalt an
Kindern und Frauen und Menschen auf der Suche nach Frieden. Aber es geht
auch um Hoffnung, um kleine Lichtblicke – Beziehungen, Liebe, Familie und
eine bessere Zukunft.
Es gibt zig verschiedene Lesarten, zig verschiedene kleine und doch so schwere
Augenblicke im Leben von Nawal, Simone, Jeanne. Es ist kein unterhaltsames
Stück, was zum berieseln lassen auffordert oder einem eine klare binäre Einteilung von Opfern und Täter*innen vorgibt. Facettenreiche Charaktere,
fluide Zeit- und Raumstrukturen, eine Sage gegen das Vergessen. Der Regisseur Mirko Borscht hat sich mit diesem dramatischem Text aus der
Komfortzone des Goethe Theaters Bremen herausgewagt: Hut ab. Die fast dreistündige inszenatorische Umsetzung scheint allerdings durchweg
überfordert. Das imposante Bühnenbild ist vielversprechend: Einen klanglichen, sowie optischen Reiz bietet der Wasserfall von der Bühnendecke,
des weiteren befinden sich im asymmetrisch angelegten Labyrinth des Raumes durchschimmernde Vorhänge, die zudem mit Bildern von einer im Bühnenraum befindlichen Kamera bespielt werden. Drei große Ventilatoren bringen wortwörtlich Schwung in die Sache. Es gibt so viel zu sehen, zu hören – zu verstehen?

verbrDie auf der Bühne zelebrierte Materialschlacht mit Erde, Wasser, Grabstein, Eimern, Taschenlampe, Mikrofonen, Clownsnasen, Diskokugel, Zeitungen überzeichnet die eigentliche Handlung. Auf einen nicht enden wollenden Monolog, der von Verena Reichhardt dargestellten Notarin Lebel, folgen
übereinandergelagerte Dialoge mehrerer Figuren – und kein Schweigen. Die von Irene Kleinschmidt verkörperte Figur Nawal mit 14, 40 und 60 Jahren, durchläuft innerhalb der Inszenierung keine Entwicklung. Nawals Mutter Jihane wurde in Borschts Inszenierung durch Martin Baum männlich besetzt. Obwohl der Text sehr wohl als Material genutzt und seiner Autorität im Inszenierungsprozess enthoben werden kann und eine Auflösung geschlechtlicher Grenzen oftmals spannend und wünschenswert ist, geschah hier ein nicht nachvollziehbarer Eingriff. Die von Mouawad erzählte Familiengeschichte gründet auf einer Tradition des Zorns gegen die eigene Mutter. Diese Besetzung kommt einer Rollenkürzung gleich, zumal Baum als Joker für alle weiteren kleinen (und dadurch anscheinend unwichtigen Figuren)
eingesetzt wird. Die zentralen männlichen Personen in Nawals Leben – Wahab, Nihad, Abu Tarek – werden alle von Peter Fasching gespielt, dessen Sprung zwischen den Figuren einzig durch eine Langhaarperücke und einen stümperhaften Einsatz einer Halbmaske stattfindet. Alles in allem scheinen die Spielenden sich entweder resigniert mit ihrer offensichtlichen Nutzlosigkeit auf einer solch überfrachteten Bühne abgefunden zu haben oder die durch die uninspirierte sprachliche und körperliche Darbietung eingeleitete Lethargie soll ein künstlerisches Statement zum dramatischen Text darstellen.
Mouawads spannendes Puzzle aus Gegenwart und vermeintlich Vergangenem, Jeanne und Simon, die den wenigen Hinweisen von Nawal wie einer Spur aus Brotkrumen folgen, die mit der Enträtselung einsetzende Annäherung der Kinder an die verstorbene Mutter, die verstörende Wahrheit über den Bruder
und den Zwillingsvater – all das wurde verschenkt für einen Abend voller partiell interessanter Ideen, die von ihrem ursprünglichen Gedanken her clever waren, in der Aufführung jedoch komplett gescheitert sind. Die einzelnen
Elemente – vor allem der Bühne und Technik – haben eine schlüssige Funktion.
Durch ihre inkonsequente Nutzung stellt sich als Zuschauer*in leider kein Rhythmus ein, wodurch das Potenzial für ästhetische Bilder verschenkt wird.
Es ist schade zu sehen, dass die unendlichen technischen und materiellen Möglichkeiten des Theaters die unendlichen theatralen Möglichkeiten des
Theaters überdecken. Ich habe die Inszenierung von Mirko Borscht am 18.11.2015 – fünf Tage nach den Anschlägen in Paris – am Goethe Theater in Bremen gesehen. Zuvor habe ich das Drama von Mouawad in deutscher Übersetzung gelesen. Ich bin mir darüber bewusst, dass meine vorherige Lektüre und die Ereignisse rund um die Terroranschläge meinen Blick auf die Aufführung maßgeblich beeinflusst haben.

Annika Port

verbr2

Fotos: Jörg Landsberg

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