Eine große Herausforderung

Rezension zur Oper „Wozzeck“ am Theater Bremen

Grotesk, verstörend, absurd. Zugegeben: Georg Büchners Woyzeck ist ein schwieriger Stoff. Schwierig, weil die Geschichte eines verrückt werdenden Soldaten erzählt wird, der  von seinem Hauptmann und einem Doktor ausgenutzt wird und schlussendlich, getrieben von seinen Wahnvorstellungen, seine geliebte Marie umbringt. Schwierig, weil nicht klar ist, ob diese Person – übrigens von einem wahren Erlebnis aus dem 19. Jahrhundert abgeleitet – schuldfähig ist oder ihn psychische Störungen zu dieser Tat getrieben haben. Und schwierig, weil das fragmentarische Werk nie vollendet wurde und somit auch bis heute nicht eindeutig ist, was Büchner als Ende oder als „Erlösung“ vorschwebte. Werden diese Voraussetzungen betrachtet, so ist es unvorstellbar, dass aus diesem vielschichtigen Stoff eine Oper entstehen kann. Alban Berg hat sich jedoch dieser Herausforderung gestellt und ein äußerst komplexes Werk geschrieben.

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Wenn auch die Musik für das Publikum schwer nachvollziehbar ist, weil sie eventuell zu kompliziert, ja sogar grotesk sein kann, ist sie dennoch sehr interessant. Berg überflutet den Hörer regelrecht mit Informationen über die Protagonisten und ihre Welt. Er tut das mit Hilfe musikalischer Verbindungen und Gegensätze. Die atonale Musik, die immer wiederkehrenden, bruchstückhaften volkstümlichen Lieder (die übrigens einzigen aufblitzenden harmonischen Melodien), das sehr durchdachte Singen, Sprechen, Kreischen und Lachen kann irritieren. Zugleich kann es für den Hörer, der vermutlich eher Musiktheater aus der romantischen Zeit erwartet, ein Genuss  sein, neue Töne und Klänge zu erfahren. Gerade diese Vielschichtigkeit, gespickt mit zahlreichen Symbolen in der Musik, macht es so spannend, sich genauer damit zu beschäftigen. Ehrlich gesagt: Das sollte man auch. Für Besucher, die sich nach der Arbeit berieseln lassen möchten und einen vergnüglichen Theaterbesuch erwarten, scheint diese Oper und ihre aktuelle Inszenierung am Theater Bremen nichts zu sein. Warum sollte jemand überhaupt dann Interesse daran haben, sich das „anzutun“? Ganz einfach: Alban Bergs Werk macht neugierig! Es ist so vielfältig aufgebaut, dass es den Besucher wurmt, wenn er es nicht gesehen und gehört hat.

Zumal das Thema noch immer aktuell ist! Eine, wie es scheint, zerrissene Welt mit ihrer manifestierten Gesellschaft, ihren Glaubensvorstellungen und Verhaltenskodizes stellt für jedes Individuum eine Herausforderung dar. Bleibt nur die Frage, wie stark sich jeder daran orientieren möchte und inwieweit es möglich ist, aus dieser sich endlos drehenden Geschichte auszubrechen und nach seinen eigenen Vorstellungen zu leben.

Über 40 Jahre nach der letzen Inszenierung am Theater Bremen erscheint Bergs Oper nun zum zweiten Mal in einer extrem spannenden Inszenierung des jungen Regisseurs Paul-Georg Dittrich.

Mit einem ausgeklügelten Bühnenbild (Bühne und Kostüme von Pia Dederichs und Lena Schmid) wird Wozzecks schon fast surreale Vorstellung der Außenwelt perfekt dargestellt. Durch ein halb angedeutetes Baugerüst auf einer runden, sich ständig bewegenden Bühne scheint sich die Welt unablässig weiterzudrehen. Zudem befinden sich alle Protagonisten samt Kinderchor während der gesamten Vorstellung auf der Bühne. Was in der Musik geschieht, ist auch im Bühnengeschehen wiederzuerkennen: ein ständiges Fortbewegen und Interagieren der Personen und unzählige Zeichen, die sowohl in der Ausstattung als auch in der Handlung der einzelnen Figuren ihre Vielschichtigkeit erahnen lassen. Wozzeck sieht die Personen als puppenhafte, groteske und schauerhafte Gestalten, die sich wie im Wahn verhalten. Die Kinder scheinen den Erwachsenen ebenso nachzueifern, indem sie sich Haltung und Kleidung aneignen. Insbesondere die Videoinstallationen, die an Horrorsequenzen aus modernen Filmen erinnern, zeigen eine groteske und verstörende Gesellschaft. Auch nach Maries hochdramatischen Tod und Wozzecks Ertrinken in der Menschenmasse dreht sich die Welt ununterbrochen weiter. Was bleibt, sind die Erwachsenen, die aus ihrem Alltagsleben nicht entfliehen können. Und eine Kinderschar, die sich den, nun elternlosen, Jungen als neues Opfer ausgesucht hat.

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Eine herausragende musikalische Präsenz zeigt dabei die Sopranistin Nadine Lehner als Marie auf der Bühne. Claudio Otteli wirkt dagegen mit seiner sängerischen Darstellung etwas zu klobig, überzeugt jedoch mit seiner schauspielerischen Darbietung.  Hervorstechend zeigt sich außerdem Martin Nyvall als Hauptmann, der zwar zu Beginn etwas leise ist, jedoch im weiteren Geschehen eine beeindruckende klangliche Farbe präsentiert.
Besondere Hochachtung gilt jedoch dem Orchester, das unter der musikalischen Leitung von Markus Poschner eine unglaubliche Präzision und Intensität zeigt und mit der Lust und Neugierde nach dem Tiefgang dieses musikalischen Werks überzeugt.

Auch wenn sich über die paillettenbestickten Kleider für den Jungen oder den Kleiderfaible des Doktors streiten lässt, so ist die Inszenierung eine äußerst ausgeklügelte und gelungene Darstellung, von der man nicht genug bekommt. Vielleicht ist ein weiterer Besuch ja sogar notwendig, damit sie verständlicher wird. Zu entdecken gibt es definitiv noch eine Menge.

Ein im positiven Sinne verstörender Abend.

Helen Wilde

 

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