Rationalität gegen Leidenschaft

Marias tummeln sich im Theater viele. Neben der Tangooper „Maria des Buenos Aires“ und der Wiederaufnahme des Schauspielstücks „Maria Stuart“ gibt es nun auch eine Oper von Gaetano Donizetti zu sehen: „Maria Stuarda“. Eine absolute Irreführung? Ganz und gar nicht! Denn diese Inszenierung hat es in sich.

Die Geschichte ist schnell erzählt:  Elisabetta, Königin von England, muss sich nun entscheiden, ob sie, nachdem sie ihre Rivalin Maria, Königin von Schottland, gefangen nahm, ihr Todesurteil unterzeichnen soll oder eben nicht. Nach einer Begegnung, die in der Historie tatsächlich nie zustande kam,  in einer Oper jedoch einen passenden theatralen Höhepunkt darstellen würde, eskaliert die Situation zwischen den beiden Königinnen – mit verheerenden Folgen für Maria Stuarda.

Die Regisseurin Anna Sophie Mahler verfolgt dabei ganz klar einen psychologischen Ansatz: Das Innenleben der Elisabetta fungiert als zentraler Mittelpunkt der Inszenierung – insbesondere ihr innerer Konflikt mit der Rivalin und zugleich Gleichgesinnten werden thematisiert.

Dieser Opernstoff spiegelt zwar eine Geschichte aus der Vergangenheit wider, diese Geschichte selbst ist jedoch ebenso gut in die heutige Zeit übertragbar. Das Spiel mit Vergangenheit und Gegenwart wird gerade anhand der Kostüme (Geraldine Arnold) sichtbar und wunderbar erneuert. Da wird aus einer einfachen, roten Kurzhaarperücke im Stile einer Bobfrisur ganz schnell ein theatralisches Mittel, das die Eskalation der Königinnen auf die Spitze treibt. Ein fabelhafter Einfall!

Die Bühne (Duri Bischoff) zeigt zudem ein komplexes dreidimensionales Bild. Es scheint wie ein Polizeipräsidium mit Abhörräumen in einem mittlerweile heruntergekommenen Zustand. Je nach Belieben wird dabei ein Raum zu zwei oder vier Räumen erweitert. Elisabettas Person und Gefühlswelt werden somit auch szenisch greifbar. Ihre Funktion als leitende Person wird insbesondere durch das grandiose Licht (Christian Kemmetmüller) sowohl unterstützt als auch gebrochen, indem ihre zerbrechlichen Momente besonders durch bestimmte Lichteinfälle betont werden.

Auch in den beiden Titelpartien lässt sich musikalisch der Konflikt zwischen Rationalität und Leidenschaft wiederfinden: Elisabettas Partien folgen einer klaren und strengen Struktur, die ihre Kontrolliertheit wiederspiegeln. In Marias Schlussarien geht die Protagonistin beispielsweise viel freier mit Timing um. Sie lässt sich Zeit, um ihre Gefühlswelt mit allen musikalischen Mitteln auszudrücken.

Diese beiden Titelpartien waren auch weitaus mit das stärkste Paket, das in dieser Inszenierung glänzte. Mit Theresa Kronthaler ist die Partie der Elisabetta ausgezeichnet besetzt worden – nicht nur stimmlich. Auch schauspielerisch brilliert sie auf der Bühne, macht gleichzeitig Verletzbarkeit und eiserne Härte, die Einsamkeit, die auf immer gezwungene Objektivität einer Königin trotz ebenso vorhandener „menschlicher“ Gefühlsregungen greifbar und nachvollziehbar. Eine Königin, die nicht nur ein Land regiert, sondern eben auch ein Mensch ist.

Patricia Andress als Maria Stuarda hatte bereits in der Premiere mit stimmlichen Schwierigkeiten zu kämpfen. Umso erstaunlicher war ihre wunderbare Leistung. Im zweiten Akt war von ihrer Angeschlagenheit kaum noch etwas zu hören!

Beachtlich waren zudem die Partien des Grafen Leicester, gesungen von Hyojong Kim, und Christoph Heinrich als Graf von Burgleigh. Unter der Leitung von Olof Boman rundeten Orchester und Chor mit seiner Spritzigkeit und lebendigen Spielweise den Abend ab.

Eine fesselnde und rundum geschlossene Inszenierung, die jeden mitreißt, der sich darauf einlässt. Das Publikum zumindest, das war begeistert.

 

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