Nichts für schwache Gemüter!

 

Die Jungen Akteure sind schon seit längerem ein wahrer Geheimtipp für den Umgang brandaktuellen Themen, mit denen sich junge Menschen auseinandersetzen. Ob es nun um das Heranwachsen und die damit entstehenden Zukunftsprobleme geht oder darum einen Einblick in das Leben von Kindersoldaten zu erhaschen. Mit dem Stück „Grüne Vögel“ wird nun ein weiteres heikles Thema angesprochen, nämlich die Vorstellungen und Beweggründe junger Menschen, die sich dem „Islamischen Staat“ anschließen möchten.

Obwohl in den Medien tagtäglich darüber gesprochen wird, lernt man dennoch durch diese Inszenierung etwas Neues kennen: eine andere Perspektive! Und zwar die der aktuellen jungen Generation. Welche Bedeutung und Wirkung hat eigentlich der IS für junge Menschen? Wie nehmen sie Dinge wahr? Welche inneren und äußeren Umstände lassen den Salafismus anziehend wirken?

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Nathalie Forstman arbeitet diese Beweggründe wunderbar heraus und stellt einen Zugang zu diesem doch so schwierigen Thema her. Dabei werden auf sehr behutsame Weise Bilder erzeugt, die den richtigen Grad zwischen übertriebener Darstellung und einem zu geringen Eindruck meistern. Das Thema ist nämlich präsent. Und zwar überall im alltäglichen Leben der Jugend. Ob in der Schule, abends auf der Straße beim Feierngehen oder im Gespräch unter Freunden. Sich Videos im Internet anzuschauen scheint dabei gang und gäbe zu sein. Dieser Inszenierung arbeitet das ebenfalls sehr schön heraus, indem einzelne Videosequenzen in den ganzen Raum projiziert werden. Gerade diese vermeintliche Normalität in der jungen Generation wirkt erschreckend. Insbesondere durch die Musik (Thorsten zum Felde) wird dabei eine packende Atmosphäre geschaffen, die den Zuschauer nicht mehr loslässt. Selbst dort entsteht eine Sogwirkung für das Publikum, die einen tieferen Eindruck der Gefühlswelt erahnen lässt.


Vor allem wird durch diese Inszenierung aber erkennbar, dass die Religion kein ausschlaggebender Punkt ist – es steckt ein weitaus komplexeres Verfahren dahinter. Der dschihadistische Salafismus ist eine Verlockung, ein Aufschrei anders zu sein, sich gegen die aktuellen Normen der Gesellschaft und vor allem der Elterngeneration zu stellen. Man könnte beinahe von einer Revolution sprechen, die insbesondere auf junge Leute eine große Anziehungskraft ausübt. Sie befinden sich auf dem Weg der Selbstfindung, sind gegen das Aufbegehren, das heute als Standard festgelegt wird. Umso erstaunlicher ist es, dass diese Menschen vor Gewalt nicht zurückschrecken, sondern sie sogar befürworten, dient sie denn einem höheren Sinn. Aber nicht nur die Versuchung ein neues Wertesystem zu schaffen ist ein ausschlaggebender Punkt.

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Dieser Theaterabend zeigt die unterschiedlichsten Typen, die jedoch eines gemeinsam haben: Sie wirken alle irgendwie verloren und einsam, was ebenso das Bühnenbild zeigt (Bühne und Video: Iris Holstein). Nachgeahmte Tetrapode, auch „Wellenbrecher“ genannt, werden benutzt. Die Akteure verstecken sich dahinter, präsentieren sich aber eben auch davor und darauf, hüpfen darüber, lehnen sich lässig dagegen. Solche Wellenbrecher sind häufig an Küstenlinien zu finden, die zum Schutz gegen die Wellen eine Einheit bilden. Ein ausgeklügelter Einfall, diese Objekte ins Bühnenbild und das Geschehen zu integrieren – und damit das Bedürfnis einer geschlossenen Gemeinschaft auszudrücken. Nicht zuletzt ist das ein sehr schöner Bezug zu Bremen: Solche Tetrapode waren auch auf der Skateboardanlage auf dem ehemaligen Bahnhofsvorplatz zu finden – unter jungen Leuten ein beliebter Treffpunkt zum Abhängen.
Eine grandiose Inszenierung, die gerade durch die schauspielerische Leistung der sechs jungen Akteure lebt. Packend. Fesselnd. Sprachlos. Es ist ein Abend, der einen langen Nachklang erzeugt.

Tipp für alle, die es in dieser Spielzeit nicht geschafft haben: Es gibt eine Wiederaufnahme in der Spielzeit 16/17!

Helen Wilde

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