Compagnie Marie Chouinard: Le Sacre du Printemps & Henri Michaux. Mouvements

17. März 2017 – Tanz Bremen

Ich hatte gestern zum ersten Mal das Leonie-Gefühl. Es überkam mich beim Applaudieren für Marie Chouinards Produktionen, die den Auftakt des Tanz Festivals Bremen machten. Leonie ist meine Mitbewohnerin und sie ist Urheberin des noch nicht sehr bekannten Phänomens (was ich jetzt vielleicht hiermit verändere in meiner vollkommen vermessen Bedeutungszuschreibung unseres Blogs!). Denn sie erzählte mir einmal, dass sie sich nach einer Theatervorstellung beim Applaus oft verlegen fühle, wenn die Künstler*Innen sich verbeugen. Sie spüre dann nahezu einen elterlichen Stolz und Erleichterung überkomme sie. So war das gestern auch bei mir, als das zweite Stück Mouvements von der Compagnie Marie Chouinards zu Ende war. Die TänzerInnen hatten eine solche Strahlkraft auf mich. Ich konnte kaum hinsehen und gleichzeitig war mein Blick gefangen von ihren Körpern und Bewegungen. Diese Energie, die sie für knapp zwei Stunden auf die Bühne gebracht haben- was fühlen sie jetzt wohl, wenn sie in die im Sessel eingeschrumpften Zuschauer hinabschauen? Haben sie mit nicht mit diesem lang anhaltenden Applaus gerechnet? Rechnet man eigentlich je mit Erfolg, wenn man auf die Bühne geht?

Ich saß in der Reihe E. Ehrenkarte, Extra Nah, Extrem Intensiv. Beim Tanz-Sehen wird in mir manchmal alles zum Akronym. Ich kann meine Eindrücke nach einer Tanz-Performance oft nur fragmentiert greifen. Sie bewegen sich selbst dann nämlich tänzelnd in meinem Innenraum und entwischen mir schnell wenn ich sie materialisieren will. Ich, mit solchen fluiden Eindrücken, habe also beste Voraussetzung für einen Bericht vom ersten Abend des Festivals Tanz Bremen! Ihr könnt also gespannt sein, wie ich versuche diese Eindrücke mit Worten einzufangen. Als ich gestern Abend im Theater Bremen ankam war die Stimmung elektrisch. Es war viel los, sehr wuselig, die zahlreichen Besucher huschten wie Ameisen aufeinander zu und aneinander vorbei. Zumindest blieben aber alle auf der parallelen Ebene und bildeten keine Haufen! Im Theatersaal begann der Abend erst mal mit Grußworten. Es rumorte. Trotz der mehrheitlich grauen Schfe schien doch ein bisschen Revolution und Hunger nach Kunst in der Luft zu liegen, und weniger nach Reden.

Am Abend tanzte die Compagnie von Marie Chouinard zwei Stücke. Das erste Stück: Le Sacre du Printemps. Offensichtlich, wie ich aus dem Pressematerial entnehmen kann, ein schon mehrfach inszeniertes Stück. Auf unseren Blog (https://theaterverstaerkerbremen.wordpress.com) seht ihr dann meine Bearbeitung des Pressematerials. Auf die vielen Worte, die über die Inszenierung verloren wurden, konnte ich mich schlecht einlassen, denn ich hatte schon genügend eigene Worte in mir. Unglaublich, wie viel die TänzerInnen auf der Bühne von sich gegeben haben. Ich sah jede Ecke, jedes Ende ihrer Körper. Jeder Muskel spannte, drehte, sprang, sprengte und entspannte sich vor meinen Augen. Ihr Tanz war roh. Eckige Bewegungen, die mir trotz ihrer Geplantheit wie reflexartige Bewegungen von Tieren vorkamen. Auf mich wirkte es wie ein großer Kampf, in dem Kooperation der Ausnahmezustand ist.

Dann beim zweiten Stück “Henri Michaux: Mouvements“ bekam ich Herzrasen. Das lag vielleicht teilweise daran, dass mein Platz direkt neben den Lautsprechern war aus denen schnelle laute Bässe schallten. Aber eigentlich viel mehr las es daran, was auf der Bühne passierte. Wie ekstatische Pinselstriche formten die TänzerInnen Zeichnungen aus dem Buch “Mouvements“ von Henri Michaux, das 1951 erschien.
Zucken, Zappeln, Zerren- das waren die Alliterationen, die in meinem Kopf auftauchten. Ich konnte meinen Blick kaum abwenden und vergaß zu blinzeln. Trockene Augen und wummernde Bässe; das hatte ich vom zweiten Stück nicht erwartet. Gefangen genommen, hat mich das Geschehen auf der Bühne auf eine andere und intensivere Art und Weise als das ersten Stück. Weniger nackte Haut und trotzdem konnte ich die Muskeln, die für das Tanzen der Zeichnungen nötig war, vibrieren und pulsieren sehen- auch unter der Kleidung. Was kann ich nun noch schreiben, außer dass ich auf die weiteren Produktionen des Festivals gespannt bin. Mein Augenmuskel vibriert förmlich.

Text: Judith

 

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