Gute Pässe Schlechte Pässe – eine Grenzerfahrung

von Helena Waldmann

Kaum zu ertragen fand ich das wiederholte Einspielen des Liedes „We are the World, we are the Children“ in der Vorstellung von Helena Waldmanns „Gute Pässe Schlechte Pässe – eine Grenzerfahrung“ am Freitag den 24. März, die den Abschluss von Tanz Bremen markierte.

Mit dem Abstand von zwei Tagen von der Produktion, habe ich dir die Bilder in mir zumindest so weit verarbeitet, dass ich sagen kann: Das wollte die Waldmann so; die wollte dass ich auch ein bisschen leide! Denn anders als leidvoll, kann man dieses Lied nicht bezeichnen. Gerade habe ich nachgesehen, dass das Lied „We are the World“ im Rahmen einer „Charity“ Veranstaltung  namens „U.S.A. for Africa“ komponiert und aufgenommen wurde. Dieses Lied und dieser Kontext sind dann wohl die sogenannte Faust aufs Auge.

Denn DownloadRegisseurin Helena Waldmann und ihre für diese Produktion zusammengestellte Compagnie machen es der Zuschauerin sehr leicht auf das Bühnenspektakel spektakulär herein zu fallen. Mit den DarstellerInnen mitzugehen, zu fallen und zu fliegen ohne sich selbst im Prozess wahrzunehmen. Direkt und unmissverständlich wird schnell klar, dass es sich auf der Bühne um Fronten handele. Die einen, die aus dem Zirkus kommen.
Die anderen, die eine klassische Tanzausbildung vorzuweisen haben. Wichtig ist, woher sie kommen, denn das entscheidet wohin sie gehen dürfen. Die Bühnen wird aufgeteilt. Der Prozess des Teilens ist keiner; denn eine Tänzerin bestimmt nach ihrem eigenen Gutdünken eine Demarkationslinie in der Mitte der Bühne. Bald darauf (ent-)schließt sich eine Menschenmauer, die die Segregation der TänzerInnen nicht nur als Linien auf dem Boden sondern auch als menschenhohe Grenze manifestiert.

Und dann wieder das Lied „We are the world, we are the children…“, das immer wieder auftaucht, in verschieden Samples. Ironischer geht es kaum. Und trotzdem geht man den Tänzern auf den Leim und mein Lachen bleibt mir nicht im Hals kleben sondern breitet sich im Saal aus. Mein Spaß am Geschehen auf der Bühne überwiegt ohne Widerstand. Selbst wenn die eine (zeitgenössische) Tänzerin energisch die Pässe der anderern DarstellerInnen überprüft um sie dann ausnahmslos alle weg zu pfeffern und dabei laut „NO“ schreit – selbst an dieser Stelle überwiegt die Komik dieser Szene.

Zur Bühne fällt es leicht sich nach vorne auszurichten. In einer Weltgesellschaft fällt es schwer jeder und jedem das Gesicht zuzuwenden und die Grenze zwischen guten und schlechten Pässen und Passlosen fallen zu lassen. Vor allen Dingen die ZirkusakrobatInnen, die Waldmann auf die Bühne geholt hat, bezaubern das Publikum. Einige von ihnen haben „Fliegen“ an diversen Artistikschulen gelernt, so das Pressematerial. Ihre waghalsigen Kunststücke begeistern im Raum und entzürnen gleicherhand die anderen TänzerInnen auf der Bühne, die sich an verbissenen Ballettposen festzurren: Wie viel Fliegen dort auf der anderen Seite möglich ist. Wer kann das eigentlich nicht wollen, fliegen zu können?

Als die Mauer sich zum Verbeugen auflöst und die Menschen, aus denen sie bestand, einzeln erkennbar werden, bin ich fast schon irritiert. Das was gerade noch so starr wirkte, rennt nun wie die anderen, so individuell wirkenden DarstellerInnen, auf die Bühne um den Applaus entgegegn zu nehmen. Das was eben noch eins wirkte, verwandelt sich in Einzelne.

Tanz Bremen ist nun vorbei, aber mehr Wortsport und Gedankenflanken gibt es bald von uns, denn die Festivalsaison läuft gerade erst an und wir sprinten mit!

Eure Judith

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